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Gehörlose und Atemschutzmasken

In Deutschland leben laut Zahlen des Deutschen Gehörlosen-Bunds rund 83.000 Gehörlose.  Immer wieder sind diese Menschen in ihrem Alltag mit Hürden bei der Verständigung konfrontiert. Eine Möglichkeit, trotz fehlenden Gehörs zu verstehen, was andere Menschen sagen, ist das Lippenlesen. Doch eine der Schutzmaßnahmen, die im Kampf gegen Corona zum Standard gehört, stellt die Gehörlosen dabei vor ein gewaltiges Problem: die Atemschutzmaske.

 

Zu Beginn der Corona-Pandemie saßen die Gehörlosen wie so ziemlich jeder andere auch vor dem Fernseher und verfolgten die Pressekonferenzen des Gesundheitsministers und der Virologen. Das Problem: Zunächst wurden diese Pressekonferenzen nicht in die Gebärdensprache übersetzt. Erst, nachdem man den Gesundheitsminister auf diesen Missstand aufmerksam gemacht hatte, wurden die Informationen auch in Gebärdensprache verbreitet.

 

Dolmetscher im Notfall kaum verfügbar

Mittlerweile gibt es kaum noch eine Pressekonferenz zu Corona, die ohne einen Gebärdendolmetscher auskommt. Auch auf Internetseiten von Behörden findet man inzwischen Videos in Gebärdensprache. Die sind deshalb so wichtig, weil Gehörlosen das Lesen und Schreiben der deutschen Schriftsprache häufig schwerfällt. Doch noch immer gibt es Nachbesserungsbedarf. So können Gehörlose beispielsweise kaum etwas mit den üblicherweise geschalteten Hotlines anfangen. Und auch die Kommunikation mit Ärzten und anderem medizinischen Personal kann sehr mühsam werden, wenn gerade kein Gebärdendolmetscher verfügbar ist. Schließlich besitzen von den 400.000 in Deutschland zugelassenen Ärzten und Ärztinnen gerade einmal 80 Kenntnisse der Gebärdensprache. Schon bei ganz normalen Rahmenbedingungen warten taube Menschen so oft vier bis sechs Wochen, bis sie einen Dolmetscher für einen bestimmten Termin bekommen.

 

Maske macht Kommunikation unmöglich

Eine besondere Herausforderung stellen die Hygienemasken dar, deren Tragen vielerorts Pflicht ist. Denn bedecken diese die Mund-Nasen-Partie, haben Gehörlose keine Möglichkeit mehr, ihr Gegenüber mithilfe des Lippenlesens zu verstehen. Ohnehin ist diese Art der Kommunikation lückenhaft: Gehörlose verstehen durch das Lippenlesen nur etwa 30% des Gesagten. Mit der Maske sind es aber genau 0%. In Ausnahmefällen ist es mancherorts zwar erlaubt, die Schutzmaske abzunehmen, um mit Menschen mit Hörbehinderung zu kommunizieren. Dennoch müssen Betroffene im Alltag mit dieser, für sie belastenden Situation umgehen. Manchen bleibt da nur, Stift und Block zu zücken. In Zeiten der sozialen Distanz droht  dadurch soziale Isolation.

 

Nachbesserungsbedarf ist enorm

Den Sinn der Masken zweifeln die wenigsten Gehörlosen an. Dennoch fordert der Deutsche Gehörlosen-Bund Nachbesserung. So gelte es, neben der Schulung von Pflege- und Gesundheitspersonal zunächst einmal die technischen Möglichkeiten zur Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen zu schaffen – und auch zu nutzen. Denn dies geschehe selbst bei grundlegenden Notwendigkeiten nicht immer.

Ein Beispiel: Schon jetzt existiert eine barrierefreie Notruf-App, mit der Gehörlose einen Notruf absetzen könnten – wenn sie denn nur eingesetzt würde. Vielleicht liefert Corona ja den Anstoß hierfür.

 

 

 

 

 

 

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