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Die innere Mitte finden

Wege zu Ruhe und Zufriedenheit

 

Von morgens, wenn wir aufstehen,  bis abends, wenn wir uns wieder ins Bett legen, sind wir gestresst. Und dann klappt es auch mit dem Einschlafen nicht. Stattdessen liegen wir wach und grübeln über die Familie, uns selbst, die Gesundheit, den nächsten Börsencrash, den amerikanischen  Präsidenten – während wir genau wissen, dass morgen wieder die Arbeit auf uns wartet, die wir heute nicht mehr erledigen konnten. Und wir vollkommen übermüdet sein  werden, weil wir gerade im Gedankenkarussell sitzen und uns drehen, drehen, drehen, anstatt zu schlafen.

 

Es ist schon merkwürdig, wie alltäglich Stress einerseits für uns ist. Und wie eindringlich andererseits vor ihm gewarnt wird, vor dem Killer und Witwenmacher. Tatsächlich könnte es durchaus sein, dass uns all diese Warnungen wiederum selbst Stress verursachen, anstatt zu helfen, ihn zu vermeiden. Denn ein wesentlicher Faktor von Stress ist das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Orientierungslosigkeit und der Überforderung angesichts der Unübersichtlichkeit des modernen Lebens.

Deshalb ist es wichtig, die Dinge wieder in Perspektive zu setzen. Wie wir das am besten machen, hängt von jedem Einzelnen ab. Für die einen ist Sport oder ein Hobby die Lösung, für andere innere Einkehr und Kontemplation. Den einen Weg zu Zufriedenheit und Glück gibt es jedenfalls nicht. Lassen Sie sich also nicht von all den Ratschlägen stressen – bitte auch nicht von den folgenden.

 

Stress: Der Feind im eigenen Körper

 

Wenn wir heute von Stress sprechen, dann weiß wohl leider jeder von uns, was gemeint ist. Schließlich haben wir ihn alle schon in der einen oder anderen Form erlebt. Viele Menschen würden sogar sagen, dass Stress ihr ständiger Begleiter ist. Denn ein Burn-Out ist heute kein einzelnes Ausglühen mehr, sondern die Folge eines gesellschaftlichen Flächenbrands, entfacht durch unseren modernen Lifestyle. Dabei ist das Konzept hinter dem Wörtchen „Stress“ relativ neu. Erstmals entwickelt wurde es in den 30er-Jahren vom Mediziner, Biochemiker und Hormonforscher Hans Hugo Bruno Selye.

Dieser klassifizierte Stress als körperlicher Zustand ist durch eine Anspannung als Reaktion auf äußere Reize gekennzeichnet. Dabei unterschied er zwischen den drei Stadien „Alarmreaktion“ (durch biochemische Prozesse wird der Körper in einen Zustand erhöhter Aktivität und Leistungsfähigkeit versetzt), „Widerstandsstadium“ (das Stressniveau soll durch Beseitigung der stressauslösenden Reize und den Abbau der ausgeschütteten Stresshormone reduziert und dadurch der Normalzustand wieder hergestellt werden) und „Erschöpfungsstadium“ (bei anhaltendem Stress kann es zu kognitiven, emotionalen, vegetativ-hormonellen und muskulären Beeinträchtigungen kommen). Während Stress also durchaus positive Aspekte hat, solange er nicht die Oberhand gewinnt, droht insbesondere beim Eintritt des „Erschöpfungsstadiums“ Gefahr für unsere körperliche und geistige Gesundheit.

Doch genau das ist heutzutage viel zu oft der Fall: Ständig scheint es so, als warte der Stress nur darauf, über uns hereinzubrechen und unser Gefühlsleben völlig zu überfluten. Und so ganz falsch ist dieser Gedanke auch nicht. Insbesondere nicht in einer Zeit der ständigen Erreichbarkeit, unüberschaubaren Erwartungen und vielfachen Verantwortung, die es uns schwer macht, den Stress im Zaum zu halten.

Denn das „Widerstandsstadium“ dauert nur eine  begrenzte Zeit an, bevor es in das „Erschöpfungsstadium“ eintritt. Zu häufig bleibt uns daher nicht die Zeit, unser inneres Gleichgewicht rechtzeitig neu aufzuwiegen, uns unsere Ruhe wieder zu erarbeiten – und wir erleben die negativen Auswirkungen von Stress.

 

Grundlagen der Meditation

Als Königsweg der Entspannung gilt die Meditation. Die bei uns bekannteste Art der Meditation ist wohl die Zazen-Meditation der buddhistischen Zen-Tradition, bei der man in stiller Kontemplation versunken sitzt.

Hierbei geht es, wie bei den meisten anderen Formen der Meditation auch, darum, den Verstand zu fokussieren, mit den Gedanken abzudriften und den Fokus zu verlieren, dieses Abdriften zu bemerken und sich neu zu fokussieren, bis die Gedanken schließlich wieder abdriften und auf den Fokus zurückgelenkt werden müssen. Anstatt also auf aufkommende Gedanken und Reize einzugehen, die zu einer Assoziationskette und letztlich der berüchtigten Gedankenspirale führen, werden aufkeimende Gedanken registriert, aber nicht weiter verfolgt. Ein Element, das in nahezu allen Formen der Meditation in der einen oder anderen Form eine zentrale Rolle spielt, ist die Atmung. Meist wird sie als Ankerpunkt für die eigenen Gedanken genutzt.

Indem man sich auf das Ein- und Ausatmen fokussiert, besinnt man sich auf eine der grundlegendsten Körperfunktionen überhaupt. Im Idealfall stehen am Ende ein Versiegen des Gedankenflusses und ein ungetrübtes Sein im Augenblick. Im Alltag ist ein solcher Zustand natürlich kaum zu erreichen. Zu häufig brummt und bimmelt das Handy und nach dem Termin ist auch immer vor dem Termin. Wer aber regelmäßig meditiert, kann lernen, bestimmte Mechanismen und Übungen auf den Alltag zu übertragen. So wirken stressige Situationen nicht mehr unmittelbar auf uns ein, sondern können aus größerer Distanz betrachtet werden. Was passiert gerade? Wie wirkt sich das auf mich und meine Gefühle aus? Was kann ich tun, um die Situation zu verändern? Schließlich wird das Gefühl der Hilflosigkeit, Überforderung und des Getriebenseins durch Akzeptanz bzw. eine überlegte und maßvolle Reaktion ersetzt. Wir erhalten die Kontrolle zurück. Denn manchmal ist nichts zu tun eben nicht Nichtstun.

 

Durch Achtsamkeit zu innerer Ruhe

In der klinischen Verhaltens-, Sucht- und Psychotherapie hat sich seit den 70er-Jahren die weltanschaulich neutrale MBSR verbreitet. Die Abkürzung steht für Mindfulness-Based Stress Reduction und kann als Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion übersetzt werden. Dabei verschmelzen verschiedene Techniken des Yoga, der Meditation, der buddhistischen Psychologie und der Körperwahrnehmung. Eine relativ bekannte Übung, die Kursteilnehmer meist sehr früh machen, ist das Essen einer Rosine. Dabei geht es aber im Grunde gar nicht darum, die vertrocknete Traube zu zerkleinern und die Speise-

röhre hinunter in den Magen zu befördern, sondern um das „ganzheitliche Erfahren“ der Rosine. Form, Farbe, Geruch, Aromen – all das soll in möglichst vollem Umfang erlebt werden.

Damit steht die Übung stellvertretend für die Idee hinter der MBSR: durch bewusstes Erfahren die Achtsamkeit für die unmittelbare Umwelt und die eigene Person erhöhen, die Dinge zunächst erkennen und dann akzeptieren, und so Ungeduld und Stress reduzieren. Es wird also nicht die Welt verändert, sondern unser Blick auf sie – und zwar frei von darüber hinausreichenden Deutungs- und Erklärungsversuchen.

Den Bereich der Esoterik haben achtsamkeitsbasierte Therapien damit längst hinter sich gelassen. Solange sie ihren Vorgaben und Ansprüchen entsprechen, bezuschussen manche Krankenkassen entsprechende Kurse von üblicherweise acht zweieinhalbstündigen Sitzungen daher sogar als mögliche Krankheitsprävention. Ruhe durch Aktivität – so merkwürdig das im ersten Moment klingen mag: Für viele Menschen ist Sport die ideale Möglichkeit zum Ausspannen.

Denn wenn wir uns anstrengen, und zwar maßvoll dosiert und regelmäßig, wirkt das nicht nur angstlösend, sondern auch stimmungsaufhellend. Überflüssige Energie, die unser Organismus bei Stress freisetzt und die uns unruhig, fahrig und gereizt werden lässt, wird hervorragend abgebaut. Entscheidend hierfür ist nicht so sehr die Art der Bewegung, sondern dass sie uns Spaß macht oder uns zumindest immer wieder motiviert. Denn wie schwer es ist, sich immer wieder aufzuraffen, um zu tun, was man sich vorgenommen hat, weiß wohl jeder von uns, der schon einmal eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio abgeschlossen hat.

Ein bisschen Quälerei darf und soll schon sein, raten Sportmediziner, aber wenn Sie das gesamte Programm nur noch im Hinblick auf dessen Ende durchziehen, dann sollten Sie sich eventuell eine andere Sportart suchen, an die Sie freudiger herangehen können. Die einen finden beim Laufen zur Ruhe, die anderen beim Schwimmen. Manche machen lieber Yoga, einige bevorzugen Boxen. Auch Tischtennis oder Tai Chi fokussiert den Verstand und mobilisiert den Bewegungsapparat.

Und ganz ähnlich ist es beim Musizieren oder Tanzen, bei dem wir ebenfalls ganz in der Situation aufgehen. Das Geheimnis ist, neugierig zu sein und möglichst viel auszuprobieren, um dann schließlich die Aktivität zu finden, die einen dauerhaft bei der Stange hält.

 

Streicheleinheiten für die Seele

Haben Sie eigentlich schon einmal niedliche oder lustige Tiervideos im Internet angeschaut? Dann haben Sie wahrscheinlich eine Erfahrung gemacht, die so ziemlich jeder Halter von Haustieren bestätigen kann: Tierische Gefährten helfen uns dabei, Stress und Niedergeschlagenheit zu überwinden. Stattdessen wecken sie positive Gefühle wie Zuneigung, Mitgefühl und Tatendrang, treiben uns die Tränen in die Augen oder lassen uns vor Lachen den Bauch halten. Zusätzlich vermitteln uns Haustiere das Gefühl, gebraucht zu werden, wichtig zu sein, eine Aufgabe zu haben. Alleine die Berührung eines Tieres kann bereits helfen, Trübsinn und Stress zu vertreiben – und so nachweislich den Blutdruck und die Herzfrequenz zu senken. In mancher Hinsicht sind sie also wie kleine Therapeuten.

Dieser Effekt ist umso größer, je mehr das Tier in den Alltag eingebunden ist bzw. je stärker das emotionale Band zwischen Tier und Halter ist. Die Resonanz eines Hundes oder einer Katze beeinflusst unsere Stimmung also stärker als die Guppys im Aquarium, auch wenn deren Beobachtung durchaus etwas Meditatives haben kann. Auch im Arbeitsalltag sind Tiere, insbesondere Hunde, meist gern gesehen – zumindest von den meisten Arbeitnehmern. Dabei profitieren mittelbar auch die Arbeitgeber von tierischer Gesellschaft, denn die sorgt im Normalfall dafür, dass der Wechsel zwischen Konzentration und Entspannung besser funktioniert.

Und genau dieser Wechsel ist es, der uns produktiv macht. Insbesondere Tiere, die körperliche Aktivität fördern und fordern, zum Beispiel Hunde oder Pferde, verbessern zudem auch die körperliche Verfassung: Die Symptome vieler chronischer Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck und Bronchitis können durch regelmäßige Bewegung gelindert werden. Außerdem, und das ist im Grunde etwas paradox, erleichtern Tiere den Kontakt mit anderen Menschen. Als Eis- und Herzensbrecher sorgen sie dafür, dass wir Menschen über unseren Schatten springen und wieder miteinander ins Gespräch kommen. Bei so viel Uneigennützigkeit muss man sie doch einfach lieben, oder?

 

Positiver Umgang mit schlechter Laune

Zuletzt ist es übrigens auch wichtig, schlechte Laune, wenn sie denn einmal die Oberhand gewinnt, auch zuzulassen. Dabei geht es aber gar nicht so sehr darum, sich selbst und die eigenen Gefühle bloß zu akzeptieren und anzunehmen. Das wirke sich zwar positiv auf die Gesundheit aus, haben Wissenschaftler der University of California in Berkeley herausgefunden. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch der evolutionäre Mehrwert der Miesepetrigkeit. Schlechte Laune an sich ist nämlich nichts Schlechtes. Das haben nun mehrere Forscher unabhängig voneinander bestätigt.

Demnach macht uns eine negative Grundstimmung zum Beispiel aktiver, indem sie Ressourcen mobilisiert, um schneller aus einer misslichen Lage herauszukommen. Zudem wird das analytische Denken geschärft, die Konzentration erhöht und die Anpassungsfähigkeit verbessert. All das befähigt uns dazu, die eigene Situation besser zu erkennen und in unserem Sinne umzuformen. Wenn Sie also demnächst merken, wie sich wieder einmal graue Wolken vor den blauen Himmel schieben, dann versuchen Sie doch einmal, dieses Gefühl zuzulassen. Vielleicht schaffen Sie es mit etwas Übung ja sogar, sich über Ihre schlechte Laune zu freuen. Im Grunde will sie Ihnen nämlich nur Gutes.

 

 

 

 

 

 

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