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Haben Sie auch Rücken?

Ein schöner Rücken kann auch entzücken – und hat ganz offensichtlich viele Maler entzückt: Michelangelo, Degas, Schiele, Ingres, Klimt, Gaugin – und das sind bei  Weitem noch nicht alle – haben Bilder mit schönen Rücken gemalt. Die Zeiten ändern sich. Menschen, die sich heute intensiv mit der Betrachtung einer Rückenansicht beschäftigten, stehen selten vor einem Gemälde, sondern viel öfter vor einem Krankenkassenplakat, um  herauszufinden, welche ihrer Rückenmuskeln gerade wieder mal verspannt sind. Aus dem schönen Rücken ist eine Problemzone geworden.

 

Muskelverspannung als häufigste Schmerzursache

Die häufigsten Rückenschmerzen entstehen durch Muskelverspannungen. Ursache: einseitige Bewegung, zu langes Sitzen oder Stehen, zu langes, unbewegliches Verharren in einer Sitzposition und grundsätzlicher Bewegungsmangel. Zu weiche oder zu harte Matratzen können dafür sorgen, dass die Wirbelsäule in der Nacht ungünstig gekrümmt wird, auch das kann zu schmerzhaften Verspannungen führen. Ebenso trägt das Altern und damit verbundene Verschleißerscheinungen dazu bei, dass Rückenschmerzen mit den Jahren häufiger auftreten. Und weil Ärger und Stress oft auch mit Anspannung und Verspannung einhergehen, kann auch die Psyche an der Entstehung von Rückenschmerzen beteiligt sein. Sehr viel seltener sind dagegen Bandscheibenvorfälle – auch wenn sich ein Hexenschuss manchmal ganz subjektiv wie ein Bandscheibenvorfall anfühlen kann. Rückenschmerzen, die keine anatomische Ursache haben, werden unspezifische Rückenschmerzen genannt.

 

Der Schmerz sitzt in unterschiedlichen Regionen

Schmerzen können im gesamten Rücken auftreten oder nur einige Partien betreffen. Im unteren Rücken sind sie meist auf das Lendenwirbel-Syndrom, kurz LWS, zurückzuführen. Der untere Teil des Rückens wird im Alltag ganz schön durch Bücken oder seitliche Drehbewegungen beansprucht. Dass dieser Rückenbereich etwas aushalten muss, ist schon daran erkennbar dass die Lendenwirbel größer sind, als die anderen Wirbelkörper. Der Klassiker für ein LWS-Problem: falsches Anheben einer großen Last, beispielsweise eine volle Getränkekiste. Aber manchmal reicht schon eine ungünstige seitliche Drehung und er der Schmerz fährt ins Kreuz. Auch Fehlhaltungen können zum LWS-Syndrom führen, wie etwa ein Hohlkreuz oder Muskelverspannungen durch langes Sitzen am Schreibtisch. Und natürlich auch der Hexenschuss oder Lumbago, der schlagartig auftritt und starke Schmerzen verursacht.

 

Kopfschmerzen, ein steifer Nacken, Probleme beim Blick über die Schulter, Schmerzen, die bis in den Arm oder die Finger ausstrahlen können, manchmal sogar Taubheitsgefühle treten beim Halswirbelsyndrom auf. Auch Schwindel und Übelkeit sind in diesem Zusammenhang nicht selten. Da gerade im Hals- und Nackenbereich viele Nerven austreten, gehen HWS-Probleme oft mit neurologischen Problemen einher. Auch hier sind wieder Muskelverspannungen beteiligt.

 

Treten die Rückenschmerzen im Bereich der Brustwirbel zwischen den Schulterblättern auf, dann ist vom Brustwirbel-Syndrom, BWS, die Rede. Da die Brustwirbel durch kleine Gelenke mit dem Brustkorb verbunden sind, können die Schmerzen bis in die Rippen ausstrahlen und da sich der Brustkorb beim Atmen dehnt, kann auch die Atmung Schmerzen bereiten. Zu den Ursachen gehören auch hier Fehlhaltungen – in diesem Fall der Rundrücken, Muskelverspannungen, die durch Bewegungsmangel entstehen, aber auch hohe körperliche Belastung, die zu Verschleißerscheinungen führt. Ebenso können Osteoporose oder blockierte Wirbelkörper im Brustbereich für den Schmerz in dieser Region verantwortlich sein. Wirbelblockaden sind oft sehr schmerzhaft und führen zu starken Bewegungsbeeinträchtigungen.

 

Häufige „Problemfälle“

Das Verrutschen der gallertartigen Scheibe, die zwischen zwei Wirbelkörpern als Puffer dient, wird Bandscheibenvorfall genannt. Er kann, muss aber nicht schmerzhaft sein. Quälend wird er dann, wenn die Gallertmasse auf umliegende Nerven drückt. Während im Bereich der LWS Bandscheibenvorfälle am häufigsten sind, kommen sie im Bereich der Brustwirbelsäule eher selten vor. Nur sehr selten sind Unfälle oder schweres Heben für einen Bandscheibenvorfall verantwortlich. Meistens sind schwache Bauch- und Rückenmuskeln die Ursache, weil sich dann bei einer Fehlbelastung des Rückens die Bandscheibe verschieben kann. Je nach- dem, an welcher Stelle der Wirbelsäule das geschieht, reichen die Symptome von Kribbel- und Taubheitsgefühlen bis hin zu Lähmungen oder starken Schmerzen, die bis ins Bein ausstrahlen. Nur in sehr seltenen Fällen ist eine sofortige Operation nötig, meist wird zunächst konservativ behandelt. Kurzfristig helfen die schon beim Hexenschuss erwähnten Maßnahmen, langfristig hilft der Aufbau der Bauch- und Rückenmuskulatur durch gezielte Gymnastik und Bewegung. Beim Anheben eines Bierkastens mit gestreckten Beinen und vorgebeugtem Oberkörper lastet auf den Bandscheiben ein Druck von rund 23 Bar. Das ist gut zehnmal so viel wie in einem Autoreifen.

 

Schmerzt der Rücken im unteren Bereich die bis in ein Bein ausstrahlen, handelt es sich wahrscheinlich um Ischias. Der Schmerz entsteht, wenn der Ichiasnerv eingeklemmt wird, beispielsweise durch einen Bandscheibenvorfall oder eine Vorwölbung zwischen Lumbal- und Sakralwirbel. Lähmungen oder Sensibilitätsstörungen können diese Schmerzen begleiten. Kurzfristig wird der Schmerz meist mit einem Schmermittel behandelt. Damit soll verhindert werden, dass der Patient eine Schonhaltung einnimmt, die zu einer weiteren Fehlbelastung des Rückens führen kann. Nach einigen Tagen sollte der Schmerz dann verschwunden sein. Langfristig empfiehlt sich regelmäßige Bewegung, um die Rückenmuskulatur zu kräftigen. In einer Rückenschule wird nicht nur der Rücken trainiert, die Patienten lernen auch, wie sie rückenschonend Heben und Tragen oder wie sie rückenfreundlicher sitzen.

 

Die starken Schmerzen, die beim Hexenschuss (med. Lumbago oder lokales Lumbalsyndrom) auftreten, führen oft dazu, dass sich alle Muskeln verspannen und eine normale Körperhaltung nicht mehr möglich ist. Die Ursachen können unterschiedlich sein: die Blockade eines Wirbels oder ein Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule, Muskelverspannungen oder Verschleiß. Wärme, Kälte, Stufenlage, leichte Schmerzmittel oder durchblutungsfördernde Salben oder Cremes, die auf die Haut aufgetragen werden, sind Mittel zur Selbsthilfe. Bettruhe wird nicht mehr empfohlen, da Bewegung die bessere Medizin ist. Bleiben die Schmerzen bestehen, muss der Patient geröntgt werden oder zur Computertomografie.  Danach legt der Arzt die Therapie fest: Das kann, je nach Befund, beispielsweise eine Schmerzmittelinjektion, eine Überweisung zum Chiropraktiker, der den Patienten wieder einrenkt, oder Physiotherapie und Krankengymnastik sein.

> Weil man früher nicht wusste, warum man sich bei einem Hexenschuss von einer Sekunde zur nächsten plötzlich nicht mehr bewegen oder aufrichten konnte, vermutete man im Mittelalter, Opfer eines Hexenpfeils oder des bösen Blicks geworden zu sein. Diesem Aberglauben verdankt der Hexenschuss seinen Namen.<

 

Immer Ärger mit dem Iliosakralgelenk (ISG)

Gelenke befinden sich überall im Körper, wo Bewegung gefragt ist, auch im Rücken. Oben ist die Wirbelsäule durch das erste Kopfgelenk mit dem Schädel verbunden, unten über das Iliosakralgelenk mit dem Becken. Wer „Ich hab's im Rücken“ sagt und sich dabei in den unteren Lendenwirbelbereich greift, hat vermutlich ein Problem mit dem Kreuzbein, dem Iliosakralgelenk. Es ist mit starren Bändern mit dem Hüftknochen verbunden und ein recht unbewegliches Gelenk. Meist sind Haltungsschäden oder Verschleißerscheinungen (etwa durch Osteoporose) die Beschwerdeauslöser. Aber es können auch ein Bandscheibenvorfall, Entzündungen oder andere Erkrankungen dahinterstecken. Hier wird der Arzt nach einer genaueren körperlichen Untersuchung der Schmerzauslöser die entsprechende Therapie verordnen. In der Regel sind das kurzfristig Physiotherapie und entzündungshemmende Schmerzmittel, langfristig die Kräftigung der Muskulatur. Ist eine andere Erkrankung der auslösende Faktor, muss diese therapiert werden.

> ISG-Probleme entstehen oft durch langes und schiefes Sitzen oder Stehen. Überschlagene Beine führen zu einer schiefen Körperhaltung, die sich negativ auf das ISG auswirkt. Auch beim Stehen sollte das Gewicht immer auf beide Füße verteilt werden. Achten Sie mal drauf, wenn Sie das nächste Mal an der Kasse anstehen. <

 

Bewegung ist die beste Medizin

Dass heute so viele Menschen wegen ihrer Rückenbeschwerden einen Arzt aufsuchen, hat mit der modernen Lebensweise zu tun, für die der menschliche Körper eigentlich nicht gemacht ist. Menschen sind Bewegungstiere, Schreibtisch- oder Bildschirmarbeit hat die Evolution nicht vorgesehen. Viele Rückenschmerzen entstehen durch eine zu schwache Muskulatur. Und zwar nicht nur im Rücken, sondern auch im Bauch und in den Beinen. Denn diese Muskeln entlasten den Rücken beim Stehen oder Heben.

 

Muskeln brauchen Bewegung und zwar regelmäßig. Werden sie nicht gefordert, bilden sie sich zurück. Wer also einmal in der Woche Sport treibt, aber ansonsten jede kleine Strecke mit dem Auto fährt, kann keine Muskeln aufbauen. Wer kann, sollte darum das Auto gegen das Fahrrad tauschen, den Lift durch Treppensteigen ersetzen und abends lieber einen Spaziergang machen, als vor dem Fernseher entspannen.

 

Wer viel sitzen muss, kann den Rücken durch dynamisches Sitzen entlasten. Das heißt, häufiger die Sitzhaltung zu wechseln, die Beine mal hochlegen und zwischendurch aufstehen, etwa beim Telefonieren oder um zum Papierkorb zu gehen.

 

Stress trägt ebenfalls zur Entstehung von Rückenschmerzen bei, Stressabbau kann deshalb die Schmerzen lindern. Es gibt eine Reihe von Techniken, die Entspannung mit Bewegung verbinden, beispielsweise Chi Gong, Thai Chi oder Yoga. Und natürlich ein Spaziergang durch den Wald.

 

Erste Hilfe bei Rückenschmerzen

Zunächst sollte die Wirbelsäule entlastet werden. Das geht am besten in Rückenlage, mit rechtwinkelig hochgelegten Beinen (beispielsweise auf einer Getränkekiste) oder mit an der Wand aufgestellten Füßen. Zur Lockerung der verspannten Muskeln ist Wärme hilfreich. Ein Wärmekissen, eine Wärmflasche oder eine Heizdecke entspannen und das lindert die Schmerzen. Die schmerzenden, verkrampften Stellen können aber auch mit einer Massage gelockert werden. Und auch wenn es unangenehm ist – unbedingt in Bewegung bleiben und möglichst keine Schonhaltung einnehmen. Denn damit ist die Fehlhaltung vorprogrammiert. 

 

Sollten Sie sich im Akutfall vornehmen, ab sofort regelmäßig Sport zu treiben, damit Sie künftig von Rückenschmerzen verschont werden – bleiben Sie dran. Es lohnt sich.

 

 

 

 

 

 

 

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