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Wie war noch mal der Name?

Ob „gutes“ oder „schlechtes“ Gedächtnis – der Schlüssel dazu liegt vor allem in der Aufmerksamkeit, die wir den Dingen widmen. Neugier ist die beste, aber nicht die einzige Therapie.

 

Mit dem Gedächtnis ist es so eine Sache, berichtet Peter Sturm, Psychologe und Mitbegründer der Gesellschaft für Gehirntraining (GfG). „Viele Leute wollen sich zum Beispiel den Namen einer anderen Person merken, beschäftigen sich aber nicht wirklich damit. Deshalb vergessen sie ihn auch leicht wieder.“ Wer sich den Namen des anderen dagegen innerlich vorspreche, bildlich oder geschrieben vorstelle oder sich sonst wie Gedanken darüber mache, habe bessere Chancen, dass dieser sich in den grauen Zellen festsetze. „Sobald sich das Gehirn aktiv mit etwas beschäftigt, speichert es ab – sonst nicht.“ Angesichts all der Eindrücke, die den lieben langen Tag über auf die Menschen einströmen, ist das ja auch ganz gut so.

 

Wer sein Gedächtnis schulen möchte, sollte demnach vor allem Aufmerksamkeit und Konzentration trainieren, betont Peter Sturm. „Routine ist Gift, Neugier ist Trumpf!“ Zwar kann die menschliche Aufnahmefähigkeit bereits ab 25 Jahren zurückgehen. Nervenzellen werden dann kleiner oder Verbindungen lösen sich. „Das passiert aber nur, wenn eine Person in ihrem täglichen Trott verharrt und sich geistig nicht mehr fordert.“ Besonders Menschen um die 40 sind gefährdet. Viele setzen sich in dieser Lebensphase starkem beruflichen oder auch familiären Stress aus. Dauerstress aber schlägt aufs Herz-Kreislauf-System und schwächt Konzentration und Lernbereitschaft. „Gesunde Menschen über 60 wiederum können geistig so fit sein wie die Jüngeren“, betont Sturms Kollege und GfG-Präsident Dr. Siegfried Lehrl, „denn Training und Gesundheit beeinflussen das Lernvermögen stärker als das Lebensalter".

 

Wichtig: Konzentration

Auch die digitalen Medien stellen eine Gefahr für die Gehirnleistung dar, „denn sie rauben Konzentration.“  Wer sich in seinen Gedanken und Tätigkeiten regelmäßig von hereinkommenden Nachrichten oder anderen optischen oder akustischen Reizen unterbrechen lässt, verliert die Fähigkeit, sich in Themen und Gedanken zu vertiefen und wichtige Erkenntnisse bewusst im Gehirn abzuspeichern. Dazu kommt, dass viele Menschen dazu neigen, ihr Gedächtnis „auszulagern“, erklärt Peter Sturm. So verlasse sich manch einer darauf, dass „alle Informationen auf Wikipedia stehen“, und versuche erst gar nicht mehr, sich bestimmte Fakten zu merken. Das sei letztlich aber  so,  wie wenn jemand keine Treppen mehr steige und stattdessen den Aufzug nehme: „In beiden Fällen verkümmern wichtige Fertigkeiten.“

 

Vorübergehend kann die Gehirnleistung auch nur für eine Stunde „verkümmern“, so etwa beim bekannten „Mittagstief“ nach dem Essen. Der Hunger ist gestillt, der Espresso getrunken – doch angesichts der Vorstellung, an den Arbeitsplatz zurückzukehren, stellt sich bleierne Müdigkeit ein. „Fast eine halbe Stunde braucht der Mensch im Durchschnitt, um es zu überwinden und auch geistig wieder auf die Höhe zu kommen“, berichtet Siegfried Lehrl und empfiehlt, diese Anlaufphase mit einfachen  „Aufwärmübungen fürs Gehirn“ zu verkürzen. „Schlagen Sie zum Beispiel eine herumliegende Zeitung auf und kreisen Sie mit einem Stift alle Wörter ein, die auf ‚en‘ enden.

Sie werden sehen: Schon nach zwei, drei Minuten ist Ihr Geist wieder wacher und tatendurstiger, sodass Sie im Idealfall mit Freude und Konzentration an Ihr Nachmittagswerk gehen.“

 

Bewegung hilft

Zwei Faktoren sind es, die „Gehirnjoggern“ zu neuem Tatendrang verhelfen. Zum einen beschert ihnen jede richtig eingekreiste Silbe ein kurzes geistiges Glücksgefühl, das zu weiteren Leistungen animiert. Zum anderen wirkt schon die kleine Kreisbewegung der Hand, die den Stift führt, auf Körper und Geist anregend. Denn Aktivität und geistige Fitness gehen zusammen, erläutert Lehrl:  „Auch wer sich während eines Vortrags Notizen macht oder seine Englischvokabeln per Walkman beim Laufen anhört, lernt leichter, das wissen wir aus etlichen Studien.“ Kaugummikauen kann ebenfalls helfen.

 

Denksport trägt dazu bei, die persönliche Geschwindigkeit, mit der Menschen Informationen verarbeiten können, zu steigern und ihre persönliche „Merkspanne“, d.h. ihre Fähigkeit, sich komplexe Dinge wie etwa eine bestimmte Zahlenkombination zu merken, zu erweitern.

 

Allerdings dürfen sich derlei Aufgaben nicht ständig wiederholen. Wer beispielsweise regelmäßig Kreuzworträtsel ähnlichen Typs löst, erfährt im Zuge der Gewöhnung weniger geistige Anregung – und sollte deshalb ruhig noch andere geistige Herausforderungen angehen: sich beispielsweise ein neues Wissensgebiet erschließen, Schach spielen, durch eine unbekannte Gegend spazieren, musizieren, singen oder Sport treiben. Apropos Sport: Wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass ein aktives, bewegtes Leben das persönliche Risiko vermindert, im Alter an einer Demenz zu erkranken. Das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Forschungsprojekt DENKSPORT der Deutschen Sporthochschule Köln etwa belegt, dass regelmäßige sportliche Aktivitäten bei einer beginnenden Demenz das Fortschreiten der Erkrankung bremsen können. Und nicht nur das: Innerhalb eines Jahres verbesserten sich die kognitiven Leistungen der Teilnehmenden wieder.

 

Ebenfalls interessant im Hinblick auf Bewegung ist eine Studie an 39 Studierenden zum Zusammenhang zwischen Gangart und Gedächtnis, die vor einigen Jahren an der Universität Witten/Herdecke durchgeführt wurde: Wer mit hängenden Schultern dahinschlurfte, so die Beobachtung, erinnerte sich beim Gedächtnistest eher an negative Worte (z.B. langweilig, dumm); wer fröhlich lief, konnte sich eher positive Worte (z.B. mutig, attraktiv) merken.

 

Geistig fitte Menschen sind nach Stand der Forschung nicht nur insgesamt ausgeglichener und zufriedener.  Sie können auch Krankheit, Schmerzen und Strapazen besser bewältigen. Das zeigte eine Studie, die Dr. Matthias Brem, Oberarzt am Klinikum Nürnberg Süd, vor einigen Jahren zusammen mit Dr. Lehrl an einer Gruppe von  Patienten durchführte, die eine Hüft-TEP, d.h. ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt bekamen.

 

Eine Patientengruppe ließ sich zehn Tage lang mindestens 20 Minuten täglich durch Denksportaufgaben fordern, die andere nicht. Alle übrigen Bedingungen  waren gleich.

Diejenigen, die sich geistig betätigt hatten, hatten nach zehn Tagen nicht nur einen höheren Aktivierungsgrad, betont Dr. Brem: „Sie waren auch körperlich deutlich beweglicher, hatten ein besseres Reaktionsvermögen,  fühlten sich fitter und klagten signifikant weniger über Schmerzen.“ Letzteres führt der Chirurg darauf zurück, „dass die Schwelle, ab der man Schmerz wahrnimmt, steigt, wenn man sich engagiert mit einer Sache beschäftigt – auch Schmerzen brauchen schließlich Platz im Arbeitsspeicher des Gehirns.“ Gerade wenn Bewegung dem Genesungsprozess guttut, kann das die Heilung sehr beschleunigen.  Auch eine gesunde Ernährung hilft, Vergesslichkeit vorzubeugen oder sie zu verlangsamen. Insbesondere die mediterrane Diät (Mittelmeerküche) soll sich positiv auf Erinnerung und Denkvermögen auswirken. Dazu gehören vor allem viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Nüsse, Olivenöl, Vollkornprodukte, Fisch und Geflügel.

 

Neue Herausforderungen machen klug

Menschen, die im Alltag weniger komplexen Tätigkeiten nachgehen, sind häufig unterfordert und können extrem von Denksport profitieren. Der Begriff Training umfasst dabei ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten, Geist und Sinne zu schärfen – darunter auch das Auswendiglernen von Texten und Gedichten. „Sobald wir Neues lernen, werden Vernetzungen zwischen Nervenzellen neu geknüpft oder verstärkt.“ Knobelaufgaben oder andere intellektuelle Herausforderungen sind ebenso hilfreich wie Malen, Tanzen oder Fremdsprachen lernen – oder auch Laufen, Schwimmen und Radfahren. Die Tagespolitik verfolgen, möglichst viel mit den Mitmenschen sprechen (ruhig auch mit der Verkäuferin im Supermarkt oder mit dem Paketboten der Post), Freunde treffen, sich ehrenamtlich engagieren, die kulturellen Angebote in der Nachbarschaft nutzen – all das sind gute Möglichkeiten, sich bewusst immer mal wieder einer neuen Situation auszusetzen. Auch wer durch eine Gegend läuft, die er noch nicht gut kennt, oder vertraute Bewegungsmuster ändert – zum Beispiel mal mit der „schwächeren“ Hand die Blumen gießt, die Tür aufschließt oder sogar schreibt –, trainiert sein Gehirn. Dass neue Herausforderungen klug machen, belegen auch medizinische Studien, betont Siegfried Lehrl: „Menschen, die über 70 sind und den Wohnort wechseln, steigern dabei deutlich ihren Intelligenzquotienten.“

 

Selber denken statt allein auf Technik setzen

Last but not least: Verzichten Sie immer mal auf die Bequemlichkeiten der Technik und denken Sie selbst: „Merken Sie sich wichtige Telefonnummern, anstatt nur auf die ‚Telefonbuch‘-Taste zu drücken, rechnen Sie Ihr Wechselgeld beim Bäcker aus, erkunden Sie neues Gelände einmal nur mit Stadtplan und Köpfchen und lassen Sie das Navigationsgerät aus. Das tut Ihrem Gehirn ähnlich gut wie der tägliche Spaziergang Ihrer Kondition.“

 

Situationen, in denen das Leistungsvermögen sinkt – und was man dagegen tun kann!

Manche Situationen sind der geistigen Fitness ganz und gar nicht förderlich. Dazu gehören längere Klinikaufenthalte, Bettlägerigkeit oder berufliche Tätigkeiten mit  geringen geistigen Anforderungen, aber auch häufige und anhaltende Fernseh- oder Radioberieselung bzw. Computernutzung, Dauerstress oder sogar schöne Erlebnisse wie ein Faulenzerurlaub.

 

Hier stellen wir Ihnen vor, was die Gesellschaft  für Gehirntraining empfiehlt, um den Geist aktiv zu halten:

 

klug essen

  • Frühstück, der richtige Start
  • Kohlenhydrate als Kraftstoff für das Gehirn
  • abwechslungsreich essen

 

genug trinken

  • mindestens 1,5 Liter pro Tag
  • über den Tag verteilt
  • trinken, bevor der Durst kommt

 

viel bewegen

  • Bewegung während der geistigen Tätigkeit
  • wenn möglich Ausdauertraining 2x pro Woche
  • bei geistiger Tätigkeit sich ab und zu bewegen

 

gut schlafen

  • Bedingungen für guten Schlaf schaffen
  • am besten 6 bis 9 Stunden Schlaf
  • Mittagsschlaf

 

die Sinne schärfen

  • bei Sehschwäche die richtige Sehhilfe
  • wenn nötig, Hörhilfen nutzen
  • den Gleichgewichtssinn trainieren

 

sich mental aktivieren

  • vor der geistigen Arbeit kurz aufwärmen
  • einfache Übungen; sich nicht überfordern
  • nie vor Ruhepausen oder vor dem Schlaf

 

sich mental entspannen können

  • spätestens nach 90 Minuten eine Pause
  • rechtzeitige Pausen beugen Stress vor
  • Entspannung kann die Leistung verbessern

 

sich auf relevante Informationen  konzentrieren

  • bewusst auswählen, womit wir uns beschäftigen
  • Informationsflut eindämmen
  • geeignete Medien wählen

 

leichter lernen, besser merken

  • Gedächtnistechniken einsetzen
  • Lernstrategien nutzen

 

Allgemeine Informationen und zahlreiche Übungen und Trainingsideen rund um das Thema Gehirnjogging bietet die Gesellschaft für Gehirntraining unter www.gfg-online.de

 

 

 

 

 

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