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Betreutes Wohnen in Deutschland

Herr Welsch, welche Formen des betreuten oder assistierten Wohnens gibt es in Deutschland?

Das Wichtigste zuerst: Der Begriff „betreutes Wohnen“ ist weder geschützt noch drückt dieser einen Inhalt oder Leistungsumfang aus! Oft wird bereits ein barrierefreies Wohnen in einer Wohngemeinschaft als betreutes Wohnen bezeichnet. Weitere, in der Regel kostenpflichtige Dienstleistungsangebote können einen Hausmeisterdienst, Gärtner oder sonstigen Ansprechpartner beinhalten oder aber sehr komplexe Betreuungsangebote umfassen. Für diese zusätzlichen Leistungen wird dann in der Regel neben dem Mietvertrag ein Betreuungsvertrag geschlossen. In diesem sind die weiteren Angebote und Preise, die neben der Miete bezahlt werden müssen, geregelt.

 

Und wodurch zeichnen sich diese Wohnformen aus?

Sie können Senioren Sicherheit, Geborgenheit, soziale Kontakte und eine Entlastung von alltäglichen Aufgaben wie Gartenarbeit, Müllentsorgung oder Hausreinigung bieten. Gut aufgestellte Einrichtungen verfügen über einen hauseigenen Mittagstisch, ein Betreuungsteam, Ansprechpartner rund um die Uhr im Notfall, Betreuungsangebote im Haus und ab einer bestimmten Größe auch einen ambulanten Dienst im Haus. Singgruppen, Bastelgruppen, Malgruppen, Gedächtnistraining fördern die Gemeinschaft und schützen vor Vereinsamung. Manche Einrichtungen verfügen über eine Rezeption, die rund um die Uhr besetzt ist. Dies erreicht dann fast einen Hotelcharakter.

 

Ist medizinische Pflege ein Angebot oder fester Bestandteil des betreuten Wohnens?

Medizinische Pflege ist meist kein fester Bestandteil des betreuten Wohnens, sondern wird durch externe ambulante Pflegedienste gesichert, die dann regelmäßig die Bewohner aufsuchen. Der ambulante Pflegedienst wird in diesen Wohnformen von dem Bewohnerselbstständig beauftragt. Wird der Pflegeaufwand allerdings zu umfangreich, dann müssen in kleineren Wohngemeinschaften die Bewohner in ein Pflegeheim wechseln und die Wohnung aufgeben. In größeren Häusern mit einem hausinternen ambulanten Pflegedienst kann dies erheblich hinausgezögert werden, da eine 24-stündige pflegerische Versorgung möglich ist.

 

Wohnen ist ja keine passive Tätigkeit. Wie kann die Gestaltung des Alltags im betreuten Wohnen aussehen?

Betreutes Wohnen ist zunächst einmal ein einfaches Mietverhältnis. Jedes Angebot muss deshalb genau auf den Inhalt hin geprüft werden. Welche Leistungen sind in der Wohngemeinschaft Bestandteil des Vertragsverhältnisses? Wer organisiert und begleitet die Wohngemeinschaft? Wie wird z.B. der Tag, die Woche mit Spielenachmittagen, Gesprächsrunden, Kaffee- und Kuchen-Nachmitagen und gemeinsamen außerhäuslichen Aktivitäten organisiert? Ohne entsprechendes Personal und Organisation ist der „Mieter“ nach wie vor ganz auf sich alleine gestellt.

 

Welche Änderungen sehen Sie in Zukunft auf das betreute Wohnen zukommen?

Die spannendste Frage wird sein, wie lange sich dieser undifferenzierte Begriff des betreuten Wohnens noch halten kann. Es ist davon auszugehen, dass im Laufe der Jahre viele Menschen erkennen, dass sich in ihrem betreuten Wohnen kein Unterschied zu einem normalen Mietverhältnis ergibt, sie aufgrund des barrierefreien Gebäudes aber erheblich mehr Miete zahlen müssen. Diese niederschwelligen Angebote bieten sonst keine wirkliche Gemeinschaft mit Betreuung und Begleitung. Die Erkenntnis, dass man im Falle des erhöhten Pflegebedarfs dann noch die Gemeinschaft verlassen muss, wird für manche Menschen leider besonders schmerzlich sein.

 

 

Unser Interviewpartner

Rainer Welsch

Geschäftsführer „Residenz

Humboldthöhe“ gGmbH

 

 

  

 

 

 

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