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Abstand vom Alltag

Die Urlaubssaison beginnt. Zwar fangen die Sommerferien erst im kommenden Monat an, aber wer keine Kinder hat, nutzt gerne den meist schon sommerlichen Juni, um zu verreisen. Ausruhen, Abstand vom Alltag gewinnen, Kraft tanken – Urlaub dient als Auszeit vom täglichen Stress und Trott. Doch sollte man mit einer Auszeit wirklich immer erst warten, bis man zwei, drei Wochen oder länger fortfahren kann? Abstand vom Alltag ist öfter zu haben. Glücklicherweise! Denn die kleinen Fluchten sind wichtig für Gesundheit und Wohlbefinden.

 

Manchmal wird einfach alles zu viel – Arbeit, Schulstress, Streitigkeiten, familiäre Probleme. Auch viele kleine Probleme, die für sich genommen unbedeutend sind, können, wenn sie sich häufen, herausfordernd sein. Auf Belastung reagieren Menschen unterschiedlich – sie werden reizbar und ungeduldig, fahren bei der geringsten Kleinigkeit aus der Haut.

Sie fühlen sich der Überforderung hilflos ausgeliefert und reagieren mit depressiver Resignation. Sie können nicht mehr abschalten, wachen jede Nacht auf und wälzen sich im Bett. Morgens sind sie müde und erschöpft, sie können sich nicht richtig konzentrieren und fühlen sich permanent überfordert. Wenn Sie sich am Montagmorgen schon nach dem Freitag sehnen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Stress irgendwann seinen Tribut fordert.

Wird nicht rechtzeitig gegengesteuert, kann es über kurz oder lang zu körperlichen Problemen kommen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen, chronische Erschöpfung, Depression oder Angststörungen, um nur einige zu nennen. Natürlich lassen sich alle Beschwerden mit beruhigenden, ausgleichenden Medikamenten behandeln. Sinnvoller ist es jedoch, längerfristig nach Freiräumen zu suchen, die das Abschalten erlauben und einen regenerierenden Abstand zum Alltag ermöglichen.

 

Die ganz große Pause – ideal, aber nicht für jeden zu haben

Wer mitten im Berufsleben steht, träumt nicht selten von einem Sabbatical, also einer Pause von mehreren Monaten oder einem Jahr, um Abstand zum Job und zum „normalen“ Leben zu gewinnen. Manche möchten sich einmal richtig ausruhen, andere diese Zeit für die Suche nach sich selbst nutzen und herausfinden, was ihnen wirklich Spaß macht im Leben. Wieder andere wollen einfach reisen, ferne Länder sehen und ihre Sprachkenntnisse vertiefen. Oder sie nutzen diese freie Zeit dafür, sich beruflich neu zu orientieren. Laut einer Umfrage des Karrierenetzwerks Xing haben bereits 43 % der 18- bis 24-Jährigen ein Sabbatical gemacht oder wollen das in Zukunft tun. Bei den 50- bis 59-Jährigen sind es dagegen nur 22%. Das könnte möglicherweise daran liegen, dass Ältere schon die Rente im Blick haben oder bereits ihren Platz im Leben gefunden haben.

Vielleicht legt die jüngere Generation aber auch mehr Wert auf eine ausgewogene Work-Life-Balance oder braucht noch mehr Zeit zur Orientierung. Möglicherweise bestehen heute bessere Chancen, ein Sabbatical umzusetzen, weil die Arbeitgeber dazugelernt haben. Auszeiten werden jedoch nicht nur für die Selbstfindung genutzt. In 12% der Fälle, so fand Xing heraus, wird die Auszeit vom Job aber auch dazu genutzt, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen oder um Angehörige zu pflegen.

Selbst wenn viele davon träumen, bietet einerseits nicht jedes Unternehmen die Chance für ein Sabbatical, andererseits trauen sich manche Arbeitnehmer nicht, dem Chef ihren Wunsch mitzuteilen. Es ist aber auch nicht unbedingt nötig, ein Jahr auf Reisen zu gehen, um Abstand zum Alltag zu finden. Es gibt jede Menge andere Möglichkeiten, sich Auszeiten zu gönnen.

 

Die kleine Pause – mehrfach täglich machbar

Zugegeben – es ist schwer! Dennoch ist es wichtig, während der Arbeitszeit alle 90 Minuten eine Pause von fünf bis zehn Minuten einzulegen, denn ohne lässt die Konzentrationsfähigkeit nach. Idealerweise sollte diese Auszeit nicht am Schreibtisch verbracht werden. Wer kann, geht kurz vor die Tür an die frische Luft. Wenn es diese Möglichkeit nicht gibt, hilft es, einfach mal zwei Minuten die Augen zu schließen, tief durchzuatmen, sich zu strecken und zu dehnen. Das senkt den Stresspegel erheblich. Sogar wenn die Termine sich aneinanderreihen, wenn es scheinbar nicht einmal fürs Mittagsessen reicht – nur mit kurzen Pausen sind wir in der Lage, unsere Leistungsfähigkeit zu erhalten. Wer täglich acht und mehr Stunden pausenlos durcharbeitet, riskiert seine Gesundheit. Das hat der Gesetzgeber erkannt. Er schreibt bei einer Arbeitszeit von sechs bis neun Stunden eine mindestens 30-minütige Pause vor. Sind es mehr als neun Stunden, muss sie sogar 45 Minuten dauern. Diese Ruhephase kann zwar in verschiedene Blöcke unterteilt werden, mindestens 15 Minuten muss eine Pause aber mindestens lang sein.

 

Erfrischend und erholsam – Alltagsabstand durch Mittagsschlaf

Powernapping, wie das Nickerchen heute genannt wird, ist ein Kurzschlaf von 10 bis 20 Minuten am Tag während der Arbeitszeit. Theoretisch ist diese Möglichkeit des erholsamen Schläfchens vielen bekannt, praktisch scheuen sich viele Arbeitnehmer, ihn sich zu gönnen. Sie fürchten, faul oder wenig belastbar zu wirken. Dabei wäre das kurze Wegdämmern, wenn das „Suppenkoma“ kommt, die beste Methode, um neue Kraft und Energie zu tanken. Denn dass wir zwischen 13 und 15 Uhr in ein geistiges Tief rutschen, ist biologisch völlig normal und hat nichts mit mangelnder Leistungsbereitschaft zu tun. Im Gegenteil: Wer seine Konzentrationsfähigkeit mit Powernapping regeneriert, arbeitet anschließend wesentlich konzentrierter und motivierter. In Japan ist das Powernapping voll und ganz akzeptiert. Dort wird „Inemuri“ als bewährte Methode betrachtet, um Energiereserven wieder aufzufüllen. Es gibt dort sogar sogenannte „Nap Shops“, die ein Mittagessen in Kombination mit einer Ruheliege anbieten. Sogar im „Time-is-money“-Land USA richten zeitgemäß denkende Arbeitgeber ihren Mitarbeitern „Nap Rooms“ ein. Die ideale Dauer eines kräftigenden Schläfchens liegt zwischen 10 und maximal 30 Minuten, egal, ob in Japan, Amerika oder Deutschland.

 

Die kreative Auszeit vom Alltag – das Hobby

Wer nach getaner Arbeit nach Hause kommt und sich einem Hobby widmen kann, schaltet nicht nur ab, sondern unterstützt damit seine mentale Gesundheit. Ein Hobby macht Spaß und sorgt dafür, dass der Alltag mitsamt seinem Ärger und Stress außen vor bleibt. Dabei ist es nicht so entscheidend, in welche Tätigkeit man sich versenkt – Puzzeln, Malen, Musizieren – entscheidend ist, sich darin zu verlieren. Man schaltet ab, ist voll und ganz auf etwas konzentriert, das Freude macht. Das macht den Kopf frei und senkt den Stresspegel. Wenn Sie das Gefühl haben, dass die Zeit „wie im Flug“ vergangen ist, dann haben Sie wohltuenden Abstand zum Alltag gewonnen – und dabei Ihre Batterie wieder aufgeladen. Das schützt vor stressbedingten Krankheiten.

 

Der Berufsalltag bietet in der Regel wenig Bewegungsmöglichkeiten oder nur einseitige. Die Nebenwirkungen hat jeder schon zu spüren bekommen, beispielsweise Rückenprobleme, Kopfschmerzen, zu viele Pfunde auf den Rippen oder Verdauungsschwierigkeiten. Durch Bewegung wird das Stresshormon Adrenalin abgebaut, das Herz-Kreislauf-System kommt in Schwung und die Pfunde purzeln ganz nebenbei. Hobbys, bei denen man sich bewegt, sind deshalb besonders effektiv, wie etwa Tanzen, Wandern, Schwimmen oder Laufen. Beim Wandern macht sich die Distanz zum Alltag sogar wortwörtlich mit jedem Schritt bemerkbar.

 

„Me-Time“ – mit Zeit für sich selbst raus aus dem täglichen Stress

Eine regelmäßige Auszeit, um Abstand zu gewinnen, findet nicht automatisch statt. Man muss sich die Zeit dafür nehmen. Konkret heißt das, dass diese ganz persönliche Entspannungszeit einen festen Platz im Terminkalender bekommen sollte. Und zwar unverhandelbar. Was auch immer Sie tun wollen – die Zeit ist nur für Sie. Wollen Sie sich zu Hause zurückziehen, hängen Sie beispielsweise ein „Bitte-nicht-stören-Schild“ an Ihre Tür, wenn Sie mit mehreren Menschen zusammenleben. Auch Kinder verstehen, dass Mama oder Papa eine Auszeit nimmt und seine Ruhe haben will. Selbst wenn’s am Anfang vielleicht noch nicht so gut funktioniert, schließlich müssen sich alle erst mal dran gewöhnen, auch Sie selbst, planen Sie diesen Freiraum fest ein. Je konsequenter Sie Ihre persönliche Auszeit wahrnehmen, umso höher ist die Akzeptanz.

 

Raus aus den vier Wänden

Einfach mal was anderes sehen: Dafür ist der Kurzurlaub ideal. Dazu muss keine Flugreise gebucht werden, mit Bus und Bahn, mit dem Rad oder mit dem eigenen Auto lassen sich die nähere Region, Städte oder landschaftliche reizvolle Regionen erkunden. Was den einen der gepflegte Stadtbummel mit Kaffee und Kuchen, ist den anderen eine Wanderung durch den Wald. Deutschland bietet für jeden Geschmack attraktive Möglichkeiten. Sogar in der unmittelbaren Umgebung kann man mit dem Rad oder zu Fuß neue Ecken, interessante Cafés, nette Restaurants entdecken, die bei der Fahrt mit dem Auto bislang nie auffielen. Es muss nicht einmal viel kosten, ein Picknick im Park, im Wald oder sogar im Garten sorgt für mehr Abstand zum gewohnten Trott.

 

Einfach mal die Klappe halten – der spirituelle Abstand vom Alltag

Lärm macht krank. Und doch ist unser Alltag laut, nie ist es still. Das „weiße Rauschen“ der Stadt ist sogar in der Nacht unser ständiger Begleiter, sogar wenn wir in einer relativ ruhigen Ecke wohnen. Auf dem Land ist zwar weniger Verkehr, aber dafür brummen die Rasenmäher, Motorsägen oder Laubbläser. Stille ist ein rares und darum kostbares Gut geworden. Ruhe ist Balsam für die Seele. Ein Schweigeaufenthalt in einem Kloster bietet Ruhe, Abgeschiedenheit und die Chance, sich voll und ganz auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu konzentrieren. Plötzlich stellt man fest, wie schwer es fällt, einfach zu schweigen, aber auch, wie befreiend es ist, wenn nicht ständig Informationen oder Geräusche auf einen einströmen. 

 

Neuland betreten

„Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig“, hat Albert Einstein gesagt. Wer etwas Neues ausprobiert oder etwas Neues lernt, richtet seinen Fokus auf etwas Unbekanntes, das seine ganze Aufmerksamkeit fordert. Damit entsteht automatisch Abstand zum Alltag. Gleichzeitig regt der ungewohnte Input das Gehirn dazu an, neue Synapsen zu bilden. Ob das nun eine neue Sprache, eine neue Sportart oder eine andere ungewohnte Aktivität ist – die Nervenzellen werden angeregt.

Das soll mental jung halten. Zumindest aber sorgt die geistige Aktivität für Ablenkung von den Problemen des täglichen Lebens und schafft damit die nötige Distanz. Alles, was bisher in Ihrem Leben keine Rolle gespielt hat oder spielen durfte, ist geeignet. Gibt es etwas, das Sie vielleicht schon immer mal ausprobieren wollten? Einen Roman schreiben, Malerei, ein Instrument lernen? Eine komplizierte Torte backen, ein neues Strickmuster ausprobieren? Kanufahren oder Jonglieren? Nur zu! Sie werden merken, wie viel Befriedigung die neue Beschäftigung bietet und wie sehr Sie das Erfolgserlebnis genießen. Und so ganz nebenbei haben Sie Ihren Alltagstrott hinter sich gelassen und Abstand gewonnen.

 

Noch ein Tipp: Egal, wie oder womit Sie Abstand vom Alltag gewinnen möchten – schalten Sie Ihr Handy aus! In Ihrer Auszeit müssen Sie für niemanden erreichbar sein.

 

 

 

 

 

 

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