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Strahlentherapie:

Modernste Verfahren mit vielfältigen Einsatzmöglichkeiten

Mit Strahlen ist das so eine Sache: Strahlende Gesichter mag zum Beispiel jeder. Strahlt man jedoch, ohne dabei zu lächeln, verheißt das ganz und gar nichts Gutes. Auch in der Medizin sind Strahlen ambivalent: Einerseits gibt es umfangreiche Therapiekonzepte, um durch Strahlung hervorgerufene Krankheiten zu heilen.

 

Andererseits ist nun aber gerade die Strahlung ein wichtiger Bestandteil mancher dieser Konzepte. Dass die moderne Medizin Strahlen für sich nutzbar gemacht hat, gehört zweifellos zu ihren größten Errungenschaften.

 

Der Einsatz von ionisierenden, also hoch energetischen Strahlen in der medizinischen Therapie wird Strahlentherapie oder Radiotherapie genannt. Haupteinsatzgebiet der Strahlentherapie ist die Behandlung von Krebs. Leider reagiert aber nicht jeder Krebs gleich gut auf eine Bestrahlung. Selbst Tumore, die alle in demselben Körperareal entstehen, sei es nun die Lunge, der Darm, die Haut oder das Brustgewebe, können sehr unterschiedlich auf eine strahlentherapeutische Behandlung reagieren. Auch deshalb wird der Entschluss für oder gegen eine Strahlentherapie heutzutage aufgrund einer ganzen Fülle von Faktoren und den jeweiligen Einschätzungen verschiedenster qualifizierter Mediziner gefällt. Doch die Therapie von Krebserkrankungen ist nicht die einzige Anwendungsmöglichkeit: Auch bei sogenannten gutartigen Wucherungen, zum Beispiel der Haut oder auch des Knochens, sowie bei allerlei schmerzhaften, entzündlichen Veränderungen von Weichteilen wie Bändern oder Sehnen kann die Strahlentherapie für Linderung sorgen.

 

Welche Bedeutung kommt der modernen Strahlentherapie bei der Krebsbehandlung zu?

Heute gehört die Strahlentherapie gemeinsam mit der Operation und der Systemtherapie zu den drei zentralen Säulen der Krebstherapie. Das liegt insbesondere auch an ihren vielfältigen Einsatzmöglichkeiten: Neben kombinierten Ansätzen, bei denen verschiedene Möglichkeiten der Therapie miteinander kombiniert werden, kann die Bestrahlung in manchen Fällen sogar als alleinige Therapieform eingesetzt werden. Allerdings war in der Vergangenheit vor allem die mangelnde Präzision ein Problem: Weil die Dosis noch nicht sehr zielgenau verabreicht werden konnte und somit auch erhebliche Nebenwirkungen verursachte, galt die Bestrahlung als nicht sehr schonendes Verfahren.

 

Außerdem war man sich noch unsicher, bei welchen Erkrankungen eine Bestrahlung Heilung oder zumindest eine Besserung bewirken könnte. Mittlerweile hat sich die Technik aber so weit entwickelt, dass eine Bestrahlung nicht nur äußerst präzise abläuft, wodurch höhere Strahlendosen zielgenau in den zu bestrahlenden Bereich geleitet werden können, was wiederum zu weniger Sitzungen bei besseren Erfolgen führt. Darüber hinaus wissen Mediziner heutzutage sehr gut darüber Bescheid, wann und in welcher Form eine Bestrahlung sinnvoll und erfolgversprechend ist.

 

Wie wirkt eine Bestrahlung?

Früher dachten viele Menschen, bei einer Bestrahlung würden Zellen quasi verbrannt. Und auch heute noch trifft man immer wieder auf dieses Missverständnis. Seinen Ursprung hat es in der Tatsache, dass Patienten und Patientinnen damals, also vor etlichen Jahrzehnten, unter starken Hautreizungen und Vernarbungen litten, die optisch an Verbrennungen erinnerten. Tatsächlich hat eine Bestrahlung aber nichts mit Feuer zu tun: Zum Einsatz kommen bei einer Bestrahlung immer ionisierte, also energetisch hoch aufgeladene Strahlen. Diese Strahlen werden dann in einen genau umgrenzten Zielbereich gelenkt, wo sie ihre Energie abgeben. Zellmoleküle, die dieser Energie ausgesetzt sind, werden in ihrer DNA geschädigt, wodurch sie schließlich absterben. Denn entgegen gesunden Zellen, die eine hohe Regenerationsfähigkeit besitzen, haben Tumorzellen kaum Reserven, um Schäden zu reparieren. Ihr Drang nach ungebremstem Wachstum ist ihre größte Schwäche – und die Strahlentherapie macht sich diese Schwäche zunutze.

 

Das zweite Gesicht der Strahlentherapie

Die Strahlentherapie kann nicht nur zur Tumorbehandlung eingesetzt werden. Auch die Therapie von Sehnenbeschwerden, Gelenkverschleiß oder Wucherungen des Bindegewebes kann mithilfe von Strahlen erfolgen. Vor allem, wenn die Bewegungsfreiheit von Betroffenen aufgrund von Schmerzen stark eingeschränkt ist, kann eine solche Bestrahlung die Lebensqualität enorm steigern, indem es die Entzündung zurückdrängt und so die Schmerzen lindert.

 

Aber auch bei rein kosmetischen Einschränkungen kann die Strahlentherapie angewendet werden, um zum Beispiel unschöne Wucherungen zurückzudrängen und so das Selbstwertgefühl Betroffener zu unterstützen. Das Wirkprinzip hierbei: Durch die Bestrahlung wird der Wachstumsprozess solcher Wucherungen gestört, wodurch sie sich nicht vergrößern und chirurgisch relativ einfach entfernt werden können. Zudem ist die verabreichte Dosis bei solchen Behandlungen deutlich niedriger als bei der

Bestrahlung von Tumoren, weshalb Nebenwirkungen noch seltener auftreten.

 

Welche Nebenwirkungen können bei einer Strahlentherapie auftreten?

Schwere Hautschäden, wie sie vor allem in der Mitte des 20. Jahrhunderts nicht ungewöhnlich waren, treten mittlerweile kaum noch auf. Trotzdem müssen Patienten und Patientinnen sich auch heute noch auf Nebenwirkungen einstellen. Vor allem eine allgemeine Müdigkeit, das sogenannte Fatigue-Syndrom, ist nicht ungewöhnlich. Auch Hautrötungen und Reizungen können noch immer auftreten, allerdings eben längst nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit. Liegen Schleimhäute im bestrahlten Areal,  kann es auch hier zu Reizungen kommen, beispielsweise bei der Bestrahlung des Darms oder des Rachens. In der Regel klingen all diese Nebenwirkungen aber innerhalb einiger Wochen ab. Spätfolgen, wie Gefäßverengungen und daraus entstehende Nekrosen, sind glücklicherweise sehr selten. Zudem können die behandelnden Ärzte aufgrund ihres engen Kontakts mit ihren Patientinnen und Patienten alle Veränderungen relativ frühzeitig erkennen – und eine entsprechende Behandlung einleiten. Auch deshalb ist es wichtig, dass Patienten die Rückmeldungen ihres Körpers genau im Blick behalten und diese gegebenenfalls mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt besprechen.

 

Was sollten Patientinnen und Patienten schon vor dem ersten Gespräch wissen?

Wie eingangs schon erwähnt, erfolgt die Entscheidung für oder gegen eine strahlentherapeutische Behandlung immer aufgrund einer Vielzahl sehr individueller Faktoren. Grundlage für diese Entscheidung sind jedoch immer auch internationale Leitlinien, wann und wie die Therapie genau gestaltet werden sollte, um den bestmöglichen Behandlungserfolg zu gewährleisten – oder wann eine Strahlentherapie zum Beispiel aufgrund einer bekannten Unempfindlichkeit des jeweiligen Tumors auf eine Bestrahlung oder einer insgesamt schlechten Verfassung der Patientin oder des Patienten nicht empfehlenswert ist. Kommt eine Bestrahlung infrage, erfolgt ein sehr ausführliches Aufklärungsgespräch zwischen dem behandelnden Arzt bzw. der Ärztin und dem Patienten oder der Patientin. Hierbei werden alle Aspekte der Behandlung besprochen, seien sie nun technisch, organisatorisch oder zeitlich. Aber auch eventuelle Ängste werden während dieses Gesprächs angesprochen, um sie möglichst vollständig aus der Welt zu schaffen.

Hier ein kleiner Tipp für Betroffene oder Angehörige: Bringen Sie nicht nur alle relevanten medizinischen Unterlagen mit, sondern schreiben Sie sich auch alle Ihre Fragen auf. Häufig ist die Informationsflut doch sehr umfangreich, weshalb eine solche Liste helfen kann, auch wirklich alle Dinge anzusprechen, die Sie auf dem Herzen haben. Auch eine Begleitperson kann helfen, den Überblick zu bewahren. Zwar bekommt jeder Patient nach dem Termin einen Aufklärungsbogen, in dem der Inhalt des jeweiligen Gesprächs noch einmal festgehalten ist. Aber vier Ohren hören eben immer mehr als zwei.

 

Warum ist die Einhaltung eines starren Behandlungsplans kaum möglich?

Natürlich gibt es Richtwerte einer Behandlung. So kann man bei der Bestrahlung eines Brusttumors zum Beispiel von einer Dauer zwischen vier und sechs Wochen ausgehen. Bei einem Prostatakarzinom rechnet man dagegen mit sieben bis acht Wochen. Tumore im Kopf-Hals-Bereich liegen mit fünf bis sieben Wochen im Mittelfeld. Dennoch dürfen diese Zahlen nicht als in Stein gemeißelt angesehen werden.

Der Grund: Die Strahlentherapie ist trotz aller Qualitätsstandards immer eine hoch individualisierte Behandlung. Tumorart, Lokalisation des Tumors und individuelle Verfassung der Patientin oder des Patienten machen eine starre Behandlungsstruktur nahezu unmöglich. Zum Beispiel kann es vorkommen, dass eine Behandlung unterbrochen werden muss, um der behandelten Person einmal eine Verschnaufpause zu gönnen. Zunächst starre Zahlen müssen dann eben angepasst werden, um sowohl die Bedürfnisse der Patienten als auch den Behandlungserfolg sicherzustellen.

Deshalb betonen Strahlentherapeutinnen und -therapeuten auch immer wieder, wie wichtig das Miteinander mit ihren Patientinnen und Patienten ist. Die Hightech sei die eine Seite. Die andere, sagen sie, sei eben das Herz.

 

Eine kleine Geschichte der Radioaktivität


Grundlage für die Entdeckung der heilenden Kräfte mancher Strahlen war vor allem die Arbeit von drei, eigentlich sogar vier Forschern: Im Dezember 1895 berichtete der deutsche Physiker Wilhelm Conrad Röntgen erstmals von „einer neuen Art von Strahlen“ und veröffentlichte 1898 seinen gleichnamigen Forschungsbericht. Zwei Jahre zuvor stellte der französische Physiker Henri Becquerel seine Erkenntnisse zur „natürlichen Radioaktivität“ vor.


Und 1898 gelang dem französisch-polnischen Ehepaar Marie und Pierre Curie erstmals die Herstellung des Elements Polonium, später dann auch Radium. Aufgrund dieser neuen Erkenntnisse nahm die Forschung zur Radioaktivität rasch an Fahrt auf. Wann radioaktive Strahlen erstmals ganz gezielt zu Heilzwecken eingesetzt wurden, ist heute umstritten. Es dürfte aber schon um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert zahlreiche Versuche gegeben haben, diese neue Kraft medizinisch nutzbar zu machen. Den großen Durchbruch konnte die Strahlentherapie allerdings erst im Laufe des 20. Jahrhunderts verbuchen. Seitdem hat sich die Strahlentherapie stetig weiterentwickelt und ist dadurch zu einem nicht mehr wegzudenkenden Teil des medizinischen Alltags geworden.

 

 

 

Brachytherapie: Die innere Bestrahlung

 

Eine besondere und innerhalb der Bevölkerung eher unbekannte Form der Strahlentherapie ist die sogenannte Brachytherapie. Dabei werden Tumore mithilfe einer radioaktiven Quelle (siehe im Bild in Gelb dargestellt), die durch einen Schlauch oder eine Hohlnadel in den Körper eingebracht wird, aus nächster Nähe bestrahlt. Mediziner sprechen daher auch häufig von einer Kurzdistanztherapie bzw. einer „inneren Bestrahlung“.

 

Der besondere Vorteil der Brachytherapie ist die Tatsache, dass sehr hohe Dosen direkt in das zu bestrahlende Gebiet eingebracht werden können. Der Behandlungserfolg wird also optimiert, während das umliegende Gewebe noch besser als bei einer herkömmlichen, „äußeren“ Bestrahlung geschont werden kann. Doch hier liegt auch der größte Nachteil der Brachytherapie verborgen: Um den sogenannten Applikator, also das Medium, durch das die Strahlenquelle in den Körper eingebracht wird, zu legen, ist zumindest in den meisten Fällen ein chirurgischer Eingriff notwendig.

 

 

 

 

 

 

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