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Kinderwunsch – Familienplanung ohne Hindernisse

Noch nie konnten Frauen und Männer so einfach selbst darüber bestimmen, ob und wann sie Eltern werden möchten. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – leidet jedes sechste Paar zeitweise unter einem unerfüllten Kinderwunsch. Die Ursachen sind vielfältig, aber häufig auch lösbar.

 

Ist die Entscheidung für Nachwuchs gefallen, kann es vielen Paaren gar nicht schnell genug gehen. Mit banger Vorfreude erwarten sie eine Schwangerschaft, sobald sie aufhören zu verhüten. Realistisch ist das nicht unbedingt: Ein Drittel aller Frauen wartet länger als ein Jahr, bis sich eine Schwangerschaft einstellt.

Die Wahrscheinlichkeit bei Frauen zwischen 20 und 30 Jahren liegt nach Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bei etwa 30% pro Monatszyklus – mit zunehmendem  Lebensalter sinkt sie. Eine 35-Jährige beispielsweise hat unter Umständen nicht mehr in jedem Zyklus einen Eisprung, da ihre Hormonproduktion abzunehmen beginnt. Auch bei Männern sinkt die Fruchtbarkeit mit dem Alter, allerdings erst ab ca. 40 Jahren. Dann bilden die Hoden weniger Spermien, deren Befruchtungsfähigkeit zudem nachlassen kann.

 

Geduld ist angesagt

Von „Fruchtbarkeitsstörungen“ reden Mediziner frühestens dann, wenn ein Paar ein Jahr lang regelmäßig ohne Verhütungsmittel miteinander verkehrt und dennoch keine Schwangerschaft einsetzt. „Ein Jahr klingt aber länger, als es ist“, meint Dr. Christian Leiber, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Andrologie (DGA). „Denn letztlich birgt es nur 12 Eisprünge und damit 12 Chancen“. Auch für uneingeschränkt fruchtbare Paare liege die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des ersten Wunschjahres ein Kind zu bekommen, nur bei 60 bis 70%. „Es hilft allerdings, wenn das Paar mehrmals um die fruchtbaren Tage des Eisprungs herum Verkehr miteinander hat“, betont der Urologe, „denn Samenzellen überleben im weiblichen Genitaltrakt bis zu  48 Stunden.“ Erst nach zwei Jahren erfülle sich der Kinderwunsch von 98% der gesunden Paare. „Wenn es dann immer noch nicht geklappt hat, liegt wahrscheinlich eine Störung vor.“

Die betreffe in rund 50% der Fälle die Frau, in 20 bis 30% den Mann und in ebenfalls 20 bis 30% beide. Beim Mann kommen vor allem hormonelle Störungen, eine eingeschränkte Samenqualität – beispielsweise zu wenige, nicht ausreichend bewegliche oder fehlgebildete Samenzellen  – oder verschlossene Samenleiter als Ursache infrage, durch die beim Samenerguss keine Spermien nach außen gelangen können. Bei der Frau können ebenfalls hormonelle Störungen, aber auch Schädigungen an Eileitern oder Eierstöcken, gutartige Tumoren in der Gebärmutter (Myome) oder auch Wucherungen am Gewebe der Gebärmutterschleimhaut (Endometriose) die Ursache sein.

 

Wunsch nach Klärung

Da ungewollt kinderlos sein – oder auch kein weiteres Kind zu bekommen – für die meisten Betroffenen sehr belastend ist, findet es der Urologe und Oberarzt am Universitätsklinikum Freiburg verständlich, wenn Paare bereits nach einem Jahr medizinische Klärung und gegebenenfalls Hilfe suchen – auch wenn es durchaus möglich ist, dass das Paar noch auf ganz normalem Weg Kinder bekommt und das Ganze nur etwas länger dauert. In Europa bekommen Schätzungen zufolge etwa 1 bis 2 von 100 Paaren, die seit mehreren Jahren nicht verhüten und regelmäßig Geschlechtsverkehr haben, kein erstes Kind; etwa 10 von 100 Frauen, die schon mindestens ein Kind haben und sich noch ein Kind wünschen, bekommen kein weiteres.

Zur Klärung der Ursachen für eine ungewollte Kinderlosigkeit gehören ein ausführliches Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt ebenso wie körperliche Untersuchungen einschließlich einer Blutprobe, mit deren Hilfe sich in der Regel der Hormonspiegel bestimmen lässt. Beim Mann wird außerdem eine Samenprobe untersucht, bei der Frau mittels Ultraschall die Gebärmutter, die Eierstöcke und die Eileiter.

Ein auffälliges Spermiogramm bedeutet nicht automatisch, dass ein Mann unfruchtbar ist, betont Dr. med. Thorsten Diemer, Leiter der Andrologie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg. „So kann beispielsweise Stress, Rauchen, Übergewicht oder übermäßiger Alkoholkonsum die Qualität der Samenzellen vorübergehend beeinträchtigen, ebenso natürlich Krankheit.“ Da Spermien sechs Wochen lang  reifen, kann deren Qualität beispielsweise sechs Wochen nach einer Grippe deutlich niedriger sein als normalerweise. Auf einen auffälligen Befund sollte in jedem Fall im Abstand von mindestens sieben Tagen eine weitere Spermauntersuchung folgen.

 

Komplikationen ausschalten

Auch bei Frauen wirkt sich Rauchen negativ auf die Eierstockfunktionen und die Reifung der Eizellen aus, und auch Stress, Über- oder Untergewicht und übermäßiger Alkoholkonsum vermindern ihre Fruchtbarkeit. Ebenfalls nicht gut für den Hormonhaushalt und damit die Fruchtbarkeit von Frauen und Männern: extreme sportliche Anstrengungen und schwere körperliche Arbeit, aber auch häufige Nachtschichten und Schlafmangel.

Frauen reagieren auf starke körperliche Belastungen oft mit Zyklusstörungen – so etwa Leistungssportlerinnen, die besonders hart für einen Wettkampf trainieren. Warten sie vergebens auf eine Schwangerschaft, kann es helfen, eine Zeitlang auf intensives Training zu verzichten. Maßvoller regelmäßiger Sport hält den Körper dagegen fit und wirkt sich günstig auf die Fruchtbarkeit aus.

Last but not least: Es gibt Hinweise, dass herkömmliche Gleitmittel, aber auch als solches verwendeter Speichel  Spermien in ihrer Befruchtungsfähigkeit gefährden können – zumindest, wenn sie im Reagenzglas zusammengebracht werden. Aus diesem Grund gibt es Gleitmittel, die speziell für die Zeit des Kinderwunsches entwickelt wurden und deshalb andere Inhaltsstoffe enthalten. 

 

Insemination und künstliche  Befruchtung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Kinderwunschbehandlung. Welche man wählt, hängt vor allem davon ab, welches Problem bei den Betroffenen festgestellt wurde. So kommen zum Beispiel Hormonpräparate zum Einsatz, wenn der Zyklus der Frau gestört ist. Bei Myomen kann manchmal eine Operation helfen. Beim Mann wiederum können je nach Ursache der Fruchtbarkeitsstörung beispielsweise hormonelle oder operative Behandlungen eine Möglichkeit sein.

Bilden sich im Hoden des Mannes nur sehr wenige Samen oder bewegen sie sich nur schwach, kann der Samen direkt in die Gebärmutter der Frau übertragen werden. Eine solche Insemination kommt auch dann infrage, wenn ein Paar keinen Geschlechtsverkehr haben kann oder wenn die Samenzellen den Schleim im Bereich des Gebärmutterhalses (Zervixschleim) nicht durchdringen können.

Bei einer künstlichen Befruchtung (In-vitro-Fertilisation, IVF) wiederum werden der Frau mit einer dünnen Hohlnadel durch die Scheide Eizellen entnommen und mit den Spermien des Mannes zusammengebracht. Zuvor werden die Eierstöcke der Frau mittels Hormonbehandlung angeregt, was wegen der Nebenwirkungen sehr belastend sein kann. Bei der sogenannten Intracytoplasmatischen Spermieninjektion schließlich (ICSI) wird eine Samenzelle direkt mit einer feinen Nadel in eine Eizelle eingespritzt. War die Befruchtung erfolgreich, werden höchstens drei Embryonen in die Gebärmutter eingesetzt.

Für den Fall, dass sich mehr Eizellen zu Embryonen entwickelt haben, können sie auf Wunsch der Frau entweder tiefgefroren (=kryokonserviert) oder vernichtet werden. Dies gilt auch für Eizellen im sogenannten Vorkernstadium, in dem die Chromosomensätze der Samenzelle und der Eizelle noch nicht vollständig miteinander verschmolzen sind. Kryokonservierte Embryonen oder befruchtete Eizellen können in  einem späteren Zyklus aufgetaut und eingesetzt werden, falls die erste Übertragung nicht erfolgreich war.

 

Risikobestimmung in der Schwangerschaft

Leider verläuft längst nicht jede Schwangerschaft reibungslos. Wenn das Risiko für die Gesundheit der Mutter oder des Kindes erhöht ist, zum Beispiel durch eine Fehlbildung der Gebärmutter, bestimmte Vorerkrankungen sowie Nikotin-, Alkohol- oder Medikamentenkonsum, sprechen Ärzte von einer Risikoschwangerschaft. Um die Belastung für die Mutter und ihr ungeborenes Kind zu minimieren, wurden mittlerweile für eine ganze Reihe von Risikofaktoren Bluttests entwickelt. So lassen sich sowohl gefährliche Vor- und Grunderkrankungen der Mutter als auch bestimmte Erkrankungen des Kindes frühzeitig und sicher diagnostizieren. Generell sollten sich werdende Eltern aber auch bei einer Risikoschwangerschaft nicht unnötig Sorgen machen. Aufgrund des hohen Niveaus der Diagnostik und Behandlung verlaufen bei uns selbst die meisten dieser Schwangerschaften völlig problemlos.

 

„Freezing“

Apropos Konservieren: Schon seit vielen Jahren bietet das sogenannte „Medical Freezing“ Patientinnen die Möglichkeit, beispielsweise vor einer schädigenden Krebsbehandlung eigene Eizellen einzufrieren, um sie später auftauen und im Labor befruchten zu lassen. Dann begannen im Herbst 2014 US-Unternehmen wie Apple und Facebook damit, jungen Mitarbeiterinnen als Teil eines Versorgungspaketes das „Einfrieren“ ihrer Eier zu finanzieren – um ihnen damit zumindest theoretisch die Möglichkeit zu bieten, die Familienplanung zugunsten der Karriere vorerst zurückzustellen.

Sie kamen damit einem auch hierzulande wachsenden Trend nach, wie der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF) Dr. med. Christian Albring betont. „Immer mehr Frauen verschieben die Erfüllung ihres Kinderwunsches in ihr viertes oder auch fünftes Lebensjahrzehnt in der Annahme, dass sie bis zu ihrem 40. Lebensjahr und noch weit darüber hinaus Zeit haben für die Familiengründung.“ Der Gynäkologe gibt allerdings zu bedenken, dass auch „Social Freezing“ biologische Grenzen nicht außer Kraft setzen kann. Auch wenn eine Frau mit 45 Jahren noch schwanger werden könne, sei das Risiko, dass die Schwangerschaft in eine Fehlgeburt münde, sehr hoch.

 

Adoption und Pflege

Wie das Familienportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) informiert, übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die reproduktionsmedizinischen Behandlungen in vielen Fällen zumindest anteilig.  In welchem Ausmaß und unter welchen Bedingungen, hängt allerdings von der Art der Behandlung ab und auch davon, ob ein Paar gesetzlich oder privat versichert ist.

Auch wenn sich ein Paar bewusst gegen künstliche  Befruchtungsversuche entscheidet oder auch wenn diese ergebnislos bleiben, ist ein Familienleben mit Kind möglich. Eine Adoption oder eine Inpflegenahme kann den Wunsch nach einem Kind Wirklichkeit werden lassen.

Auch hier haben jüngere Paare allerdings bessere Chancen als ältere: Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter empfiehlt einen Altersabstand von maximal 40 Jahren zwischen Adoptiveltern und -kind. Zurzeit dauert ein Adoptionsverfahren etwa zwischen zwei und sieben Jahren. Wesentlich kürzer ist das Aufnahmeverfahren, wenn es darum geht, für einen befristeten oder unbefristeten Zeitraum ein Pflegekind anzunehmen.

Eine Pflegschaft ist jedoch meist vorübergehend. Ziel ist immer, dass das Kind wieder bei seinen leiblichen Eltern lebt, sobald es die Umstände erlauben – auch wenn das in der Praxis dann oft nicht der Fall ist. Der Kriterienkatalog, den Pflegeeltern erfüllen müssen, ist deshalb bei Inpflegenahmen weniger umfassend als bei Adoptionen.

Wie auch immer ein Paar sich entscheidet: Eine Familie zu gründen – oder auch nicht – ist niemals ganz und gar planbar. Das Leben steckt auch hier voller Überraschungen. Diese, auch wenn sie zuweilen traurig sind, nicht in sich hineinzufressen, sondern mit anderen zu teilen, kann sehr entlastend sein und die Grundlage für eine große Vertrautheit –  als Paar miteinander, aber auch mit vertrauten Menschen oder in Selbsthilfegruppen.

 

Info, Rat und Hilfe

Zu wissen oder auch nur zu befürchten, dass es mit der  Familiengründung möglicherweise nicht „klappt“, ist für viele Paare zunächst schockierend. Egal ob eine medizinische Ursache angenommen wird oder nicht – die seelische Belastung kann groß sein. Eine psychosoziale Beratung kann Probleme wie Schuldgefühle oder Versagensängste aufgreifen und bei der Suche nach Lösungen helfen.

Informationen dazu sowie allgemein über Kinderwunsch, Fruchtbarkeitsstörungen und Behandlungsmöglichkeiten liefert das Portal www.familienplanung.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

 

 

Weitere hilfreiche Adressen:

 

Informationsportal Kinderwunsch des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend:

 

 

 

 

 

 

 

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