7 Fragen zum Thema „Bandscheibenvorfall“ an Dr. Nicolas Gumpert:

Wenn die Stoßdämpfer der Wirbelsäule versagen …

Herr Dr. Gumpert, was sind die Bandscheiben und welche Aufgabe haben sie?

Die Bandscheiben sind so etwas wie die Stoßdämpfer zwischen den Wirbelkörpern der Wirbelsäule. Sie bestehen aus einem flüssigen Kern, dem Gallertkern, der von einer festen Hülle, dem Faserring, umgeben ist – so ähnlich wie ein gebackener Camembert, der gerade frisch aus dem Ofen kommt.

 

Wenn man einen gebackenen Camembert ansticht, läuft der ganze Käse raus…

Und fast genauso ist es auch bei einem Bandscheibenvorfall: Bekommt der Faserring einen Riss, tritt ein Teil der Masse des Gallertkerns aus und drückt auf das umliegende Gewebe. Ist dieses Gewebe schmerzunempfindlich, merkt man das manchmal gar nicht. Drückt die Gallertmasse allerdings auf schmerzempfindliche Strukturen, im Wesentlichen also das Rückenmark, die Nerven oder die Bänder, kommt es zu Beschwerden wie einem Druckgefühl, Schmerzen, einem Kribbeln und Taubheitsgefühl, oder einer motorischen Schwäche, in extremen Fällen sogar einer Lähmung.

 

Die Art der Beschwerden hängt vermutlich von der Schwere des Bandscheibenvorfalls ab, oder?

Nicht nur. Es spielt zwar auch eine Rolle, wieviel Flüssigkeit aus der Bandscheibe austritt, denn je mehr Flüssigkeit auf den Rückenmarkskanal drückt, umso stärker ist auch der Schmerz. Ebenso wichtig ist aber der betroffene Abschnitt der Wirbelsäule. Rund 80% aller Bandscheibenvorfälle treten in der Lendenwirbelsäule, also dem unteren Teil der Wirbelsäule auf. Drückt die Gallertmasse dabei auf den Nerv in der Lendenwirbelsäule, kommt es zum berüchtigten Beinschmerz, selten auch zu einer Beeinträchtigung der Blasen- und Darmfunktion. Weitere 20% entfallen auf die Halswirbelsäule. Ist der dortige Nerv betroffen, strahlt der Schmerz eher in die Arme aus. Selten ist auch einmal die Brustwirbelsäule betroffen, das ist aber wirklich eine Rarität.

 

Spielt ein hohes Alter für das Risiko eines Bandscheibenvorfalls eine Rolle?

Ja, aber wahrscheinlich anders als Sie denken. Tatsächlich sind ältere Menschen tendenziell seltener betroffen. Das liegt daran, dass der Gallertkern der Bandscheibe bei ihnen nicht mehr so flüssig ist und deshalb bei einer Verletzung weniger Gallert austritt. Dagegen haben junge Patientinnen und Patienten so um das 20. Lebensjahr noch einen extrem flüssigen Gallertkern. Wird ihr Faserring verletzt, treten auch große Mengen Flüssigkeit aus, so dass im Prinzip schließlich nur noch der Faserring übrig bleibt – was dann natürlich auch zu stärkeren Beschwerden führt. In der Orthopädie nennen wir das einen Massevorfall.

 

 

Das bedeutet also, dass ein Bandscheibenvorfall in jungen Jahren folgenreicher ist als im Alter?

Man müsste es eher so formulieren: Die Probleme, die ein Bandscheibenvorfall verursacht, sind mit zunehmendem Alter weniger gravierend. Wer mit 20 schon einen Massevorfall hat, muss sich darauf einstellen, mit den Jahren massive Folgebeschwerden zu entwickeln, weil die Dämpfungsfunktion und der Reibungsschutz, den die Bandscheibe normalerweise bietet, nur noch eingeschränkt vorhanden ist. Einmal ausgetretene Gallertmasse kann nämlich nicht mehr in die Bandscheibe zurückgeschoben oder ersetzt werden. Allerdings treten die meisten Bandscheibenvorfälle um das 50. Lebensjahr herum auf. Zu diesem Zeitpunkt ist der Faserring schon etwas lädiert, der Gallertkern darin aber noch flüssig und unter Druck.

 

Was sind die typischen Auslöser eines Bandscheibenvorfalls? Ist es der berüchtigte Wasserkasten, der falsch angehoben wurde?

Der könnte tatsächlich zu einer Verletzung der Bandscheibe führen. Allerdings muss man sagen, dass die Bandscheibe in diesem Fall wohl schon vorgeschädigt war, zum Beispiel durch eine ungünstige Statik der Wirbelsäule in Folge einer Skoliose, eines Hohlkreuzes, eines Rundrückens – oder aber durch anhaltend hohen Druck aufgrund von Übergewicht. Manchmal sind aber auch die Gene verantwortlich, denn wie stabil der Faserring ist, hängt eben auch von der Veranlagung ab. Gerade bei einer genetischen Disposition muss man sich leider darauf einstellen, während des Lebens mehrere Bandscheibenvorfälle zu erleiden.

 

Wie wird ein Bandscheibenvorfall behandelt?

99 % der Bandscheibenvorfälle können wir ohne OP behandeln. Dafür versuchen wir, den Druck der Gallertmasse auf das umliegende Gewebe zu verringern, indem wir abschwellende Medikamente wie Cortison verabreichen – am besten per Infusion direkt in den betroffenen Bereich.

 

Drückt allerdings sehr viel Flüssigkeit auf den Nerv, kann eine OP notwendig sein, um eine Schädigung des Nervs zu vermeiden. Damit es erst gar nicht so weit kommt, empfiehlt sich aber die Prävention, nämlich die Stärkung der Rücken- und vor allem der Rumpfmuskulatur, um die gesamte Wirbelsäule zu stabilisieren.

Vielen Dank für  dieses Interview,  Herr Dr. Gumpert!

 

Autor:
Dr. Nicolas Gumpert
Kaiserstraße 14
60311 Frankfurt am Main

Tel.: 069 24753120

 

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