Das Mikrobiom

Was es ist und wie es funktioniert, kurz erklärt von Prof. Dr. Christine Lang, Professorin für Mikrobiologie an der TU Berlin, Präsidentin der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie

 

Frau Prof. Dr. Lang, Sie sind Expertin für Mikrobiologie und Molekulargenetik. Können Sie kurz erklären, was man unter einem Mikrobiom versteht?
Im Grunde bezeichnet der Begriff eine Gemeinschaft von Bakterien an einem bestimmten Ort, beispielsweise im Darm oder auf der Haut. Dort erfüllen sie eine wichtige Funktion, denn ohne die Bakterien im Darm könnten wir zum Beispiel keine Nahrung verdauen. Und ohne Mikrobiom auf der Haut hätten wir auch eine völlig ungeschützte Hautoberfläche, bei der weder der pH-Wert noch der Wasserhaushalt reguliert wird, und die nahezu keinerlei Schutz vor Krankheitserregern bieten würde. Befindet sich dieses Mikrobiom dagegen im Gleichgewicht, verhindert es schon alleine durch seine Anwesenheit die Verbreitung fremder, potenziell schädlicher Bakterien. Darüber hinaus produziert es aber auch Abwehrmoleküle, häufig kleine Proteine und Peptide, die ganz aktiv gegen fremde Bakterien vorgehen und diese sogar abtöten.


Existiert dieses Mikrobiom unabhängig von uns oder können wir es auch aktiv unterstützen oder sogar schädigen?
Wir können sehr wohl Einfluss auf unsere kleinen Mitbewohner ausüben, sowohl im Guten als auch im Schlechten. Geschwächt wird ein Mikrobiom zum Beispiel durch Antibiotika, zu viel UV-Licht oder aber auch wiederholtes Händewaschen. Denn beim Waschen spült man die obersten Schichten der auf der Haut lebenden Bakterien hinunter, egal ob schädlich oder nützlich. Nach dem Waschen wachsen diese Bakterien dann allmählich nach, was im Normalfall zwischen sechs bis sieben Stunden dauert. Erst dann hat sich die Haut wieder erholt. Vor Kurzem hat man jedoch ein Molekül entdeckt, das die Bakterien direkt zum Wachstum angeregt. Die Zeitspanne, bis die Haut nach der Reinigung wieder ein voll funktionierendes Mikrobiom gebildet hat, wird dadurch auf ein bis zwei Stunden verkürzt. Gerade jetzt, wo die Handhygiene wegen Corona so wichtig ist, müssen wir deshalb auch darauf achten, die Hände nicht nur zu waschen und anschließend abzutrocknen, sondern die Haut auch zu pflegen.


Alleine in Deutschland leiden rund 20 Millionen Menschen an Hauterkrankungen wie Neurodermitis, Schuppenflechte, Akne, Kontaktallergien oder Warzen. Welche Rolle spielt die Hautpflege für diese Menschen?
Menschen mit Vorerkrankungen haben es natürlich sehr viel schwerer, weil die Haut oft schon von vornherein zumindest punktuell, manchmal auch großflächig geschädigt ist. Während unser gesundes Mikrobiom ein sehr diverses Bild abliefert, ist das Hautbild dieser Patienten häufig völlig verändert, fast eintönig: Manchmal sind nahezu 100 Prozent der dort siedelnden Bakterien Entzündungsbakterien, die bei normaler Haut fast nicht vorkommen. Hier geht es also nicht mehr darum, einer Schädigung der Haut vorzubeugen, sondern sie umzukehren, indem ich den gesunden Bakterien wieder ermögliche, sich zu verbreiten. Und dafür muss ich sie aktiv unterstützen.


Was erhoffen Sie sich diesbezüglich für die Zukunft?
Ich glaube, in nächster Zeit werden wir zumindest Produkte sehen, die damit werben, „Mikrobiom-freundlich“ zu sein. Außerdem werden hoffentlich bald Inhaltsstoffe verschwinden, manche auch pflanzlich, die zwar eine hautpflegende, aber auch mikrobiom-schädigende Wirkung haben. Sowas möchte man ja nicht, wenn man eine Pflegecreme aufträgt. Und ich hoffe, viele Verbraucher bekommen Zugang zu Produkten, die das Mikrobiom nicht nur schützen, sondern auch aktiv unterstützen, damit es gesund bleibt.

 

 

 

 

 

 

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