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Sechs Fragen zum Thema Psychotherapie in Zeiten von Corona

Unser Gesprächspartner für dieses Interview ist der erfahrene Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Dr. med. Jochen von Wahlert, Leiter der Psychosomatischen Privatklinik Bad Grönenbach sowie einer der Sprecher der Bayerischen Direktorenkonferenz und Mitglied von mehreren Fachverbänden und Qualitätszirkeln.

 

  1. Herr Dr. von Wahlert, welche gesellschaftlichen Gruppen leiden besonders unter der Angst vor Corona und den damit verbundenen Einschränkungen des Alltags?

 

Unter der Isolation und Vereinsamung infolge der Corona-Krise leiden vor allem ältere Menschen, die häufig ohnehin wenig soziale Berührungspunkte haben. Deutlich weniger Probleme haben die Jungen. In der Jugend nehmen wir die Dinge ja oft leichter und begegnen dem Leben mit weniger Sorge. Umso wichtiger ist es, dass wir hellhörig werden und reagieren, wenn junge Menschen sich zurückziehen, ihre Lebenslust, Neugierde und ihr Interesse verlieren oder andere depressive Symptome zeigen.

 

  1. Wie können wir uns davor schützen, von Traurigkeit, Ängsten und Einsamkeit vereinnahmt zu werden?

 

Wir schützen uns am besten, indem wir uns anvertrauen und unsere Sorgen und Ängste mitteilen. Deswegen ist es wichtig, trotz der Kontakteinschränkungen so gut es geht soziale Beziehungen zu pflegen. Dabei helfen uns auch elektronische Medien oder der Griff zum Telefon. Ablenkung kann ebenfalls schützen, beispielsweise durch Singen, Malen, Schreiben, Steine behauen oder Skulpturen formen, Briefe schreiben, körperliche Bewegung oder durch den Kontakt zur Natur. Für viele Menschen öffnet sich in der Einsamkeit auch der Weg zur Meditation, zum inneren Zwiegespräch und zum Gebet.

 

  1. Wie erkenne ich, ob eine Person in meiner Umgebung Schwierigkeiten hat, mit der gegenwärtigen Situation umzugehen?

 

Am sozialen Rückzug: Wenn sich jemand nicht mehr meldet oder auf Kontaktversuche gar nicht oder ablehnend reagiert. Manchmal auch an unwirschen oder aggressiven Reaktionen von Betroffenen. Wir wissen auch, dass viele versuchen, sich mit Alkohol oder Drogen wie mit einer Art Selbstmedikation zu betäuben. Leider wird das von Außenstehenden oft nur im Exzess bemerkt.

 

  1. Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Beziehungen, Partnerschaften, Ehe aus?

 

Viele Partnerschaften müssen sich neu definieren, weil sie nur funktioniert haben, weil einer immer außer Haus war. Aktuell sehen wir einen Anstieg von Partnerschaftskonflikten und häuslicher Gewalt, unter denen übrigens sehr oft die Kinder am meisten leiden. Manchmal sind aber die Verlangsamung, die viele Zeit miteinander und die Reduktion auf das Wesentliche auch sehr gut für eine Partnerschaft. In Krisenzeiten erfahren wir oft, welche Beziehungen halten.

 

  1. Leiden Frauen und Männer unterschiedlich oder sehen sie sich mit denselben Problemen konfrontiert?

 

Mit der zunehmenden Gleichstellung in den verschiedenen beruflichen und häuslichen Rollen sehen sich Männer und Frauen auch mit den gleichen Problemen konfrontiert. Anders dort, wo die Frau neben dem Homeoffice noch die kleinen Kinder betreuen muss, die den Vater als Betreuer nur akzeptieren, wenn die Mutter nicht da ist. Leider trifft diese Form von Doppelbelastung immer noch in erster Linie die Frauen.

 

  1. Was müssen Eltern bezüglich ihrer Kinder beachten?

 

Eltern sollten ihren Kindern viel emotionale Sicherheit bieten und sie nicht ständig mit der allgemeinen Sorge um Ansteckung konfrontieren. Kinder können sehr gut mit Einschränkungen umgehen, wenn man sie selbst akzeptiert und so gut es geht gelassen mit der Situation umgeht. Kinder freuen sich, wenn man mehr Zeit hat, um gemeinsame Spiele zu spielen oder zusammen rauszugehen. „Das schaffen wir“ ist auch hier die richtige Ansage, verbunden mit einer Haltung, die Dinge nicht zu schwer zu nehmen, sondern mit ein bisschen Humor – wenn es denn irgendwie geht.

 

 

Dr. med. Jochen von Wahlert ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer der Psychosomatischen Privatklinik Bad Grönenbach

 

 

 

 

 

 

 

 

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