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Kardiologie in Zeiten von COVID-19

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die medizinische Versorgung von Herzpatienten? 5 Fragen an Dr. med. Jörg Hoffmann*:

 

Menschen mit Vorerkrankungen gelten als besonders gefährdet, bei einer Covid-19-Infektion schwere Symptome zu entwickeln. Inwieweit gehören Herzpatienten zu dieser Risikogruppe?

Die allgemeinen Risikofaktoren, wie sie das Robert-Koch-Institut definiert hat, sind ein Alter über 60 Jahren, ein Diabetes oder Bluthochdruck sowie Patienten mit einer Lungenvorerkrankung wie COPD oder chronischem Asthma. Bezogen auf die Herzchirurgie sind das die klassischen Herzbypass-Patienten. Zumindest mittelbar gehören manche unserer Patienten also einer Risikogruppe an.

 

Gibt es bei der Behandlung von herzkranken Patienten aufgrund der aktuellen Gesundheitslage Einschränkungen?

Derzeit wägen wir ganz genau ab, welche Patienten unverzüglich stationär behandelt werden müssen und welche zum Schutz vor einer Infektion besser zu Hause bleiben. Wenn ein Patient beispielsweise gerade einen Infarkt durchlaufen hat, dann muss er unabhängig von der aktuellen Pandemie auch sofort behandelt werden.

Patienten mit einem stabilen Krankheitsbild, die mit ihrer Erkrankung schon Wochen oder Monate leben und keine oder nur milde Beschwerden haben, werden unter Umständen derzeit nicht stationär behandelt, um das Infektionsrisiko nicht zu erhöhen. Zudem müssen wir als Krankenhaus auch Intensivkapazitäten für den Fall X vorhalten. Wir verzichten derzeit also gerade bewusst auf eine ganze Reihe von Operationen, weil wir wissen, dass die Patienten nach der OP eine intensivmedizinische Betreuung benötigen würden. Wichtig ist uns aber darauf hinzuweisen, dass sich Patienten mit akuten Herzbeschwerden weiterhin und in gewohnter Weise sofort bei uns in der Klinik melden sollen.

 

Gelten für Patienten mit Herzerkrankungen besondere Schutzmaßnahmen bezüglich Covid-19?

Die aktuellen Schutzmaßnahmen, die unser Klinikdirektor Prof. Dr. Leyh** am 13. März erlassen hat, gelten für alle stationär aufgenommenen Patienten gleichermaßen. Hierzu gehören alle Maßnahmen zum Fremd- und Eigenschutz sowie die weitgehenden Besuchsverbote. Eine Ausnahme für Besuche besteht für Patienten, die eine Bezugs- bzw. Betreuungsperson benötigen, zum Beispiel wegen kognitiver Einschränkungen, Demenz oder bei Kindern. Eine andere Ausnahme sind Patienten, die sich gerade im Sterbeprozess befinden. In solchen Fällen dürfen sich die nächsten Angehörigen noch verabschieden. Das ist natürlich für die Patienten wie auch für die Angehörigen extrem schwierig.

 

Was bedeuten die aktuellen Entwicklungen für Ihren Arbeitsalltag?

Die derzeitigen Auswirkungen sind massiv. Besprechungen von Angesicht zu Angesicht werden auf ein Minimum reduziert. Stattdessen beratschlagen wir uns in Videokonferenzen. Besprechungs- und Pausenräume sind ausgeräumt, die Cafeteria ist geschlossen, Essen kann nur noch abgeholt werden. Ansonsten ist das Krankenhaus komplett zu, alle Zugänge zu den einzelnen Stationen sind geschlossen und es herrscht Ausweispflicht. In den Fluren hängen überall Schilder, die Mitarbeiter daran erinnern, sich regelmäßig die Hände zu waschen bzw. zu desinfizieren. Außerdem müssen alle Angestellten einen Mundschutz tragen.

 

Wie wirken sich diese Einschränkungen auf das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient aus?

Natürlich müssen wir, die wir im medizinischen System arbeiten, eine Vorreiterrolle übernehmen. Wir müssen den Menschen deutlich machen, wie wichtig diese Sicherheitsvorkehrungen sind, also müssen wir sie auch selbst konsequent einhalten und umsetzen. Andererseits fällt zum Beispiel in einem Aufklärungsgespräch natürlich alle körperliche Zuwendung wie ein aufmunterndes Schulterklopfen oder Ähnliches weg. Der Umgang ist in dieser Hinsicht buchstäblich steriler. Das ist nicht angenehm, aber im Moment eben leider doch unumgänglich. Diese notwendige Distanz ist aber lediglich eine räumliche und beeinflusst nicht das wichtige Arzt-Patienten-Verhältnis.

 

 

 

* Dr. med. Jörg Hoffmann

Oberarzt, leitender Konsiliararzt und Facharzt für Herzchirurgie der Klinik und Poliklinik für Thorax-, Herz- und Thorakale Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Würzburg

 

**Prof. Dr. med. Rainer G. Leyh

Klinikdirektor der Herz-Thorax-Chirurgie am Universitätsklinikum Würzburg und geschäftsführender Vorstand des Deutschen Zentrums für Herzinsuffizienz (DZHI)

 

 

 

 

 

 

 

 

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