Mario Eimuth, Gründer ADREXpharma

 

„Eine Fülle von Anwendungen“

Mit einem verunglückten Bandscheibenvorfall eines guten Freundes fing alles an: Nachdem Mario Eimuth aus nächster Nähe mitbekommen hatte, dass nach diversen vergeblichen Behandlungsversuchen nur eine Medizinal-Cannabis-Therapie gegen die immer schlimmer werdenden Schmerzen half, wieder ein schmerzfreies Leben zu führen, war das Interesse für die „Causa Cannabis“ und ihrer vielfältigen Anwendungsbereiche final geweckt.



A.K.: Was sind die Vor- und Nachteile einer Therapie mit medizinischem Cannabis?


M.E.: Da Cannabis bis zum März 2017 in Deutschland und den meisten anderen Ländern der Welt als Droge klassifiziert war, war es auch Forschern nur erschwert möglich, einen aktiven Beitrag zum Wissensstand zu leisten. Daher haben sich erst in den letzten Jahren eine neue Industrie und ein Wissenschaftszweig formiert. Unterscheiden muss man generell zwischen cannabishaltigen Fertigarzneimitteln auf der einen Seite, Cannabisblüten und -Extrakten auf der anderen Seite sowie den Rezepturarzneimitteln Dronabinol und CBD. Bei Cannabisblüten variieren die jeweiligen THC-/CBD-Gehalte und die Verschreibung muss individuell auf den Patienten angepasst und eingestellt werden. Dies stellt für manche Ärzte eine gewisse Hürde dar, da der Prozess aufwendiger ist als die Verschreibung eines Fertigarzneimittels. Die Vorteile einer Cannabistherapie liegen sicher in der Vielschichtigkeit der anwendbaren Möglichkeiten und in der Tatsache, dass diese Naturpflanze mit unserem körpereigenen Endocannabinoidsystem interagiert.

 


A.K.: Herr Eimuth, die Forschung zum medizinischen Nutzen von Cannabis nimmt erst allmählich Fahrt auf. Welche Anwendungsmöglichkeiten sind heute wissenschaftlich nachgewiesen?


M.E.: Aktuell laufen weltweit über 600 Studien zum medizinischen Einsatz von THC und CBD. Es gibt aber bereits eine Fülle von Anwendungsmöglichkeiten, die auch aktiv in der Medizin Verwendung finden. Dazu gehören chronische Schmerzen (auch Migräne), neurologische Erkrankungen (Multiple Sklerose, Epilepsie, Tourette Syndrom), Übelkeit und Appetitlosigkeit bei der Chemotherapie oder bei Krebs- und HIV-Patienten, chronisch-entzündliche Indikationen (z.B. rheumatoide Arthritis) und psychiatrische Erkrankungen (Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen, Zwangsstörungen).

 


A.K.: Das von Ihnen angesprochene CBD ist ja derzeit „the next big thing“, wie die Amerikaner sagen würden. Wodurch zeichnet sich CBD aus und wie unterscheidet es sich von medizinischem Cannabis?

 

M.E.: CBD (Cannabidiol) ist neben THC das bedeutendste Cannabinoid in der Cannabispflanze. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass CBD nicht psychoaktiv und somit auch kein Betäubungsmittel ist. Studien haben gezeigt, dass es die psychoaktive Komponente von THC sogar aufhebt.

 

 

A.K.: Welches gesundheitlich-medizinische Potenzial birgt CBD?


M.E.: CBD zeigt klare antibakterielle, entzündungshemmende und entkrampfende Eigenschaften. Diese Grundtendenzen legen eine Anwendung bei Schmerzen, Epilepsie, Schlafstörungen, entzündlichen Hauterkrankungen und Angststörungen nahe. An vielen anderen möglichen Therapieansätzen wird derzeit geforscht.

 


A.K.: Überschneiden sich die Anwendungsgebiete von medizinischem Cannabis und CBD?


M.E.: Es gibt durchaus einige therapeutische Überschneidungen vor allem im Bereich der chronischen Schmerztherapie. Aber auch auf den Gebieten der Epilepsie und der Multiplen Sklerose sowie bei chronischen Entzündungen scheint sich hier eine beidseitige Anwendbarkeit abzuzeichnen.

 


A.K.: Ist CBD ein reines Gesundheits-oder auch ein Lifestyle-Produkt?


M.E.: Vor allem in Amerika hat sich in den letzten Jahren eine eigene Industrie rund um CBD entwickelt. Dort wird Cannabidiol in Getränken, Gummibärchen und einer Reihe von Kosmetikprodukten angeboten. Inwieweit es sich dabei mehr um Marketingaktionen als um seriöse Produkte handelt, müsste man sicherlich von Einzelfall zu Einzelfall klären. Manchmal ist die Dosierung jedoch so niedrig, dass ein tatsächlicher Nutzen eher zweifelhaft ist.

 

 

A.K.: Welche Weichen sollte die Politik stellen, um Missverständnisse aufzulösen, unberechtigte Ängste zu lindern und der Nutzung von Cannabis-Produkten zu größerer Akzeptanz zu verhelfen?


M.E.: Ich denke, dass die Politik erst einmal gute Rahmenbedingungen geschaffen hat, um eine gesellschaftspolitische Neuausrichtung in die Wege zu leiten. Es liegt nun eher auf der Ebene der Ärzte und der medialen Vertreter, diesen Ball aufzunehmen, sich intensiv mit dem Thema zu befassen und klare Aufklärung zu betreiben, um unberechtigte Ängste zu nehmen.

 

 

A.K.: Lange galt Cannabis schlicht als Droge. Mittlerweile fasst es zunehmend im medizinischen Sektor Fuß. Wie schätzen Sie die Gefahr eines Missbrauchs von medizinischem Cannabis ein?


M.E.: Eine missbräuchliche Verwendung kann natürlich nie ausgeschlossen werden. Allerdings halte ich das Risiko für eher gering. Betrachtet man beispielsweise die aktuelle Opioidkrise in Amerika*, bei der jährlich über 45.000 Menschen sterben, so sollte der öffentliche Diskurs sicherlich auf anderen Feldern stattfinden.

 

 

A.K.: Ist Deutschland in Sachen Akzeptanz von Cannabis-Produkten ein Vorreiter, ähnlich wie Kanada, oder doch eher ein Nachzügler?

M.E.: Deutschland ist in Europa sicherlich Vorreiter, was die Ausrichtung und rechtliche Ausgestaltung der Medizinal-Cannabis-Therapie betrifft. Viele europäische Staaten orientieren sich am aktuellen deutschen Modell. Fest steht aber auch, dass Deutschland und Europa noch ganz am Anfang der Marktentwicklung stehen.

 

A.K.: Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Eimuth!

 

 

 

 

 

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