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Wenn ein Heimwerker den Nagel verfehlt und stattdessen seinen Daumen trifft, spürt er einen akuten Schmerz heftig und unmittelbar. Möglicherweise wird der Finger blau und es entsteht eine schmerzhafte Schwellung. Doch mit etwas Kühlung und Schonung ist die Sache bald vorbei. Chronische Schmerzen dagegen bleiben. Sie entwickeln sie sich oft allmählich im Rahmen einer Erkrankung und werden irgendwann zu einem Dauerzustand, der mit der ursprünglichen Ursache nicht mehr im Zusammenhang steht. Oder sie treten immer wieder periodisch auf, wie bei einer Migräne. Bestehen Schmerzen länger als sechs Monate, werden sie als chronisch bezeichnet.

 

Schmerz entsteht, wenn Schmerzrezeptoren im Körper erregt werden. Über diese sogenannten Nozizeptoren gelangt der Reiz zum Rückenmark und von dort zum Gehirn. Hier erfolgen Auswertung und Verarbeitung des Signals, die genaue Ortung, wo der Schmerz entstanden ist, und die Speicherung der Schmerzerfahrung. Schmerz hat eine wichtige Warnfunktion, ohne die ein Mensch vermutlich nicht lange leben würde. Wir lernen bereits im frühen Kindesalter, dass Herdplatten heiß und Tischkanten hart und eckig sind. Schmerz bewirkt, dass der Mensch sich Gefahren seiner Umwelt einprägt, sie entweder meidet oder lernt, mit dem Risiko umzugehen. Schmerz bedeutet aber auch: „Hier stimmt etwas nicht in deinem Körper und du musst etwas dagegen unternehmen, sonst fügst du dir Schaden zu.“

 

Wie stark ein Schmerz empfunden wird, kann sich von Mensch zu Mensch unterscheiden und hängt davon ab, wie der Schmerz emotional bewertet wird. Negative Gefühle verstärken Schmerzen, positive verringern sie. Ängstliche brauchen beim Zahnarzt eine Spritze, andere halten das Bohren auch ohne aus. Wer sich über den blau gehauenen Finger ärgert, wird den Schmerz länger und vielleicht auch stärker empfinden. In einem sportlichen Wettkampf dagegen spüren die Teilnehmer viele Blessuren kaum, weil bei Aussicht auf einen Sieg massenhaft Endorphine ausgeschüttet werden. Auch wenn’s manchmal ganz schön wehtut: ist die Schmerzursache beseitigt, ist auch der Schmerz vorüber. Anders bei chronischen Schmerzen.

 

 

Schmerzen sind vielseitig

Chronisch können Rücken-, Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen werden, ebenso wie Schmerzen, die durch rheumatoide Arthritis sowie Nervenleiden und Tumoren entstehen. Etwa zwei Drittel der Deutschen haben beispielsweise mindestens einmal im Jahr Rückenschmerzen, bei etwa 10 Prozent der Bevölkerung sind sie chronisch. 85 Prozent der Rückenschmerzpatienten leiden unter unspezifischen Rückenschmerzen, das bedeutet es liegt keine erkennbare Erkrankung vor. Ursachen des Volksleidens: falsche oder einseitige Belastung, überwiegend sitzende Tätigkeiten sowie seelische Konflikte und Stress, die zu Verspannungen führen. Dass psychologische Faktoren eine wichtige Rolle im Schmerzgeschehen spielen, zeigt sich etwa daran, dass das Risiko einer Rückenerkrankung wächst, wenn der Arbeitnehmer an seinem Arbeitsplatz unzufrieden ist.

 

Gelenkschmerzen sind hauptsächlich bei älteren Menschen zu finden, sie treten in Knie, Hüfte, Fingern oder Händen auf. Auslöser sind meist Erkrankungen wie Arthrose, Arthritis oder Osteoporose. Von rheumatischen Schmerzen sind etwa 15 Prozent der Bevölkerung betroffen, übrigens nicht nur alte, sondern auch junge Menschen. Kopfschmerzen gehören ebenfalls zu den häufigen Schmerzsyndromen. Dazu zählen Spannungskopfschmerzen und Migräne. Neuropathische Schmerzen entstehen durch eine Schädigung der Nervenfasern, etwa 10 Prozent der Diabetiker sind davon betroffen. Krebspatienten leiden häufig unter Schmerzen durch das Wachstum oder die Therapie ihres Tumors.

 

 

Schmerz, der im Gedächtnis bleibt

Laut dem Bundesverband Deutscher Internisten e.V. (BDI) leiden in Deutschland  10 bis 12 Millionen Menschen unter chronischen Schmerzen. Chronische Schmerzen können im Verlauf einer Erkrankung entstehen. Da der Körper ein Schmerzgedächtnis  besitzt, „lernt“ er Schmerzzustände.  Das führt dazu, dass die Schmerzschwelle sinkt. Schmerzen, die häufiger auftreten, werden dann stärker und  länger wahrgenommen.

Schmerz kann so zu einer eigen- ständigen Erkrankung werden

Wird er zum täglichen Begleiter, schränkt er nicht nur die Lebensqualität der Patienten dramatisch ein, sondern führt sehr oft zu Depressionen und Vereinsamung, weil er das Leben der Betroffenen bestimmt. Damit das nicht geschieht, ist eine frühzeitige Schmerztherapie sinnvoll, wobei chronische Schmerzen von einem Schmerzspezialisten behandelt werden sollten. Wird zu lange falsch oder unzureichend therapiert, dann kann es sein, dass sich der Schmerz nicht mehr vollständig beseitigen, sondern nur noch lindern lässt. Das Robert-Koch-Institut (RKI) sagt, dass „chronische Schmerzen als bio-psycho-soziale Erkrankung anzusehen sind. Behandlungen, die sich nur den körperlichen Symptomen widmen, sind nicht ausreichend.“ Bis Schmerzpatienten in eine entsprechende Klinik überwiesen werden, vergehen allerdings oft Jahre, in denen die Patienten oft mehr oder weniger erfolglos behandelt werden. Bei einer Patientenbefragung in Facharztpraxen stellte sich heraus, dass weniger als ein Prozent der Betroffenen mit chronischen Schmerzen in eine Schmerzklinik überwiesen wurden.

 

 

Chronische Schmerzen –  wenn die Pein sich festsetzt

Dabei wäre eine adäquate Therapie nicht nur im Patienteninteresse sinnvoll. Denn chronische Schmerzen sind teuer. Nach Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. verursachen chronische Schmerzen jährliche Kosten in Höhe von schätzungsweise 38 Mrd. Euro, wobei nur etwa 10 Mrd. auf die Behandlung selbst entfielen, der Rest für Krankengeld, Arbeitsausfall und Frühberentung ausgegeben würde. Schmerzmittel gehören zu den am meisten verordneten Medikamenten – mit den entsprechenden Risiken und Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Problemen und Nierenschäden.

 

Außerdem kann der unkontrollierte Gebrauch von Schmerzmitteln genau das Gegenteil bewirken. Ein Beispiel hierfür ist der medikamentenabhängige Kopfschmerz, der bei Überdosierung und Langzeitbehandlung von Schmerzmitteln dafür sorgt, dass der Schmerz aufrecht erhalten wird, anstatt zu verschwinden.  Schmerzmittel, die über einen langen Zeitraum eingenommen werden, können einen Teufelskreis auslösen, weil sie die Schmerzschwelle des Körpers immer weiter herabsetzen, bis selbst minimale Reize Schmerzempfindungen auslösen.  Eine Schmerztherapie kann langwierig sein, denn die Schmerzursachen sind oft verdeckt und müssen in mühsamer detektivischer Zusammenarbeit von Fachärzten und Patienten gefunden werden. Und es gibt keine Garantie dafür, dass der Schmerz gänzlich beseitigt werden kann. Eine Schmerztherapie muss möglichst ganzheitlich sein, also an mehreren Punkten ansetzen. Sie besteht nicht nur aus der Verabreichung von Medikamenten, sondern aus einer Kombination unterschiedlicher therapeutischer Methoden. Dennoch sind Medikamente ein wichtiger Bestandteil der Therapie.

 

 

Körper und Seele behandeln

Schmerzmittel müssen sich an der Art des Schmerzes und seiner Intensität orientieren. Sie werden in drei Gruppen eingeteilt: Medikamente gegen leichte, gegen mittelstarke und gegen starke Schmerzen. Auch wenn Medikamente gegen leichte Schmerzen rezeptfrei in der Apotheke zu kaufen sind, sollten sie ohne Rücksprache mit einem Arzt oder ohne ärztliche Überwachung nicht länger als zwei Wochen eingenommen werden. Sie können bei Langzeitgebrauch beispielsweise Magen-Darm-Blutungen, Nierenschädigungen oder – bei vorbelasteten Personen – das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöhen. Medikamente gegen mittelstarke Schmerzen werden als Opioide bezeichnet. Sie hemmen die Schmerzverarbeitung und Weiterleitung.

 

Zu ihren Nebenwirkungen gehören anfangs häufig Müdigkeit und Übelkeit, die aber im Laufe der Einnahme nachlässt. Allerdings haben die meisten Patienten mit Verstopfung zu kämpfen und müssen Abführmittel nehmen. Am schwersten wiegt allerdings, dass bei der Einnahme von Opioiden ein Abhängigkeitsrisiko besteht. Gleiches gilt auch für die Medikamente gegen starke Schmerzen, die ebenfalls zu den Opioiden gehören, aber eine stärkere Wirkung haben. Sollen Opioide abgesetzt werden, müssen sie ausgeschlichen

werden, damit keine Entzugssymptome auftreten. Doch Medikamente alleine reichen für die Schmerzbehandlung nicht aus. Viele Schmerzen manifestieren sich zwar im Körper, aber die Ursachen liegen in der Psyche. Begleitend sollte neben einer medikamentösen Therapie parallel immer eine physiotherapeutische Behandlung sowie idealerweise auch eine Psychotherapie bei einem auf Schmerz spezialisierten Therapeuten erfolgen. Ziel der Physiotherapie ist es, durch schmerzlindernde und muskelentspannende Maßnahmen wie Massagen, Wärme- und Kältepackungen, Elektrotherapie oder Bewegungstraining eine Verbesserung des Patienten auf körperlicher Ebene herzustellen. Auch Methoden wie beispielsweise Akupunktur oder manuelle Medizin können dazu beitragen. Eine weitere körperbezogene  Behandlungsform ist die Feldenkrais-Methode, die dazu dient, Bewegungsabläufe wieder zu harmonisieren. So sollen Verspannungen durch Fehlhaltungen gelöst und beseitigt werden.

 

 

Aktives Leben ermöglichen

Um die Psyche kümmern sich Psychotherapeuten mit unterschiedlichen Verfahren, wie der kognitiven Verhaltenstherapie oder einer tiefenpsychologischen Behandlung. Dabei sollen die Patienten mithilfe eines Therapeuten die körperlichen und seelischen Auslöser ihrer Schmerzen erkennen. Sie lernen eine Veränderung ihres Verhaltens oder ihrer Einstellung in „schmerzlichen“ Situationen, entwickeln situative Lösungsstrategien oder erlernen einen Umgang mit Schmerzen, der ihnen ein aktives Leben erlaubt, das nicht mehr vom Schmerz dominiert ist. Entspannungsmethoden haben sich bei chronischen Schmerzen als gut wirksam erwiesen. Sie verbessern die körperliche Selbstwahrnehmung und geben den      

Patienten das Gefühl, ihren Schmerzen nicht mehr so hilflos ausgeliefert zu sein. Außerdem führen sie mit etwas Übung zu einer Entspannungsreaktion des Körpers und schenken damit mehr  innere Ruhe. Zu den geeigneten Methoden gehören die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, Achtsamkeitstraining, Meditation, autogenes Training oder Fantasiereisen. Auch Musik hat eine heilsame Wirkung. Warum genau, ist nicht bekannt. Vielleicht weil Musik entspannt, die Nerven beruhigt, positive Erinnerungen weckt und damit von den Schmerzen ablenkt. Musik in Verbindung mit Bewegung und Gesang wird von vielen Musiktherapeuten erfolgreich bei chronischen Schmerzen eingesetzt.

 

Fazit:

Schmerzen sollte heute niemand mehr hinnehmen. Es gibt spezialisierte Fachärzte, Schmerzkliniken, wirksame Medikamente und zahlreiche andere Behandlungsformen, um ihnen zu begegnen. Wichtig ist eine frühzeitige Therapie, um sie zu überwinden oder sie wenigstens so gut in den Griff zu bekommen, dass die Lebensqualität aufrechterhalten bleibt.

 

Oder wie Wilhelm Busch es formulierte:

„Gehabte Schmerzen, die hab ich gerne.“

 

 

 

 

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