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Bauch denkt mit ...

... und hütet unser körperliches und seelisches Wohlbefinden!

 

Etwa 100 Millionen Nervenzellen befinden sich im sogenannten enterischen System (ENS), dem Nervensystem, das Magen und Darm durchzieht. Das ENS wird auch Bauchhirn genannt. Es arbeitet weitgehend unabhängig vom Gehirn, steht aber mit ihm über die Darm-Hirn-Achse in Verbindung. Rund 90 Prozent der aufsteigenden Nervenfasern der Darm-Hirn-Achse nutzt der Darm für Informationen nach oben und etwa 10 Prozent das Gehirn für Botschaften nach unten.

 

Doch in bestimmten Situationen, beispielsweise bei Gefahr, übernimmt das Gehirn das Ruder. Das liegt in unserer menschlichen Entwicklung begründet. Ist Gefahr im Anmarsch, mobilisiert der Körper alle Reserven für Kampf oder Flucht und spart Funktionen ein, die nicht unbedingt lebensnotwendig sind. Dazu gehört auch die Verdauung. Der Darm fährt herunter, seine Energien werden jetzt anderweitig gebraucht, im Körper steigt die Muskelspannung, schnellerer Herzschlag steigert die Durchblutung und erhöht den Blutdruck.

 

> In den Darmwänden befinden sich ebenso viele Nervenzellen wie im Rückenmark <

 

Leider befindet sich der Körper nicht nur bei Gefahr in diesem Modus, sondern auch bei Stress. Ein Grund für die vielen Zivilisationskrankheiten, denn permanente Anspannung macht krank. Und sie wirkt sich auf den Darm aus, denn der kann auf Sparflamme nicht richtig funktionieren. Verstopfung, Übelkeit oder Bauchschmerzen können die Folge sein. Wissenschaftler vermuten, dass sich dadurch auch die Zusammensetzung der Darmflora verändert und dies möglicherweise Darmerkrankungen nach sich zieht. Verantwortlich für die Gesundheit des Darms – und damit auch für unsere Gesundheit – sind seine Bewohner, die sogenannte Darmflora.

 

Eine gigantische Wohngemeinschaft

Im Darm leben geschätzt etwa 1.000 verschiedene Bakterienarten, die es auf etwa 100 Billionen einzelne Bakterien bringen. Sie haben verschiedene Aufgaben. Sie spalten die Nahrungsbestandteile auf und stellen sie dem Körper zur Verfügung, sie schützen den Darm vor Infektionen und sie helfen mit, die inneren Darmzellen zu ernähren. In jedem Gramm Stuhl leben mehr Mikroben als Menschen auf der Erde. Oder anders gesagt: Bis zu zwei Kilogramm des Körpergewichts eines Erwachsenen sind Darmbewohner! Unter ihnen sind „Freunde“ wie „Feinde“. Allerdings werden in einem gesunden, gut funktionierenden Darm die unliebsamen Bewohner von den „Guten“ in Schach gehalten.

Gerät dieses Gleichgewicht durcheinander, kann auch die Gesundheit in Schieflage geraten. Man geht davon aus, dass ein gesundes Gleichgewicht im Darm herrscht, wenn mindestens 80 Prozent seiner Darmbewohner zu den nützlichen Bakterien gehören. Sie halten dann ohne Schwierigkeiten die „Problemkeime“ in Schach.  Der Darm kann nicht nur verdauen, sondern neutralisiert auch Krankheitserreger und Giftstoffe; er ist circa sieben bis acht Meter lang

 

Alles, was wir zu uns nehmen und was den Darm durchläuft, beeinflusst die Zusammensetzung dieser Bakteriengemeinschaft. Wie sehr das Ökosystem des Darms unsere Gesundheit beeinflusst, ist noch weitgehend unbekannt. Denn lange wurde dem Darm nur dann Beachtung geschenkt, wenn er nicht wie gewohnt funktionierte. Erst durch intensivere Forschung in den letzten Jahren und mit den Fortschritten der Genanalytik zeigt sich, dass hier noch einige Überraschungen zu erwarten sind.

 

Schon heute ist bekannt, dass die Darmflora das Immunsystem und den körpereigenen Stoffwechsel beeinflusst. Bakterienarten, die bei bestimmten Erkrankungen häufiger in Darm anzutreffen sind, legen nahe, dass die Zusammensetzung der Darmflora bestimmte Erkrankungen begünstigt – oder vielleicht auch verhindern – könnte.

 

Denn nützliche Darmbakterien sind nicht nur für die Verdauung zuständig, sondern übernehmen nebenbei auch noch eine ganze Reihe anderer Aufgaben. Verschiebt sich die Population zugunsten der „schlechten“ Keime, hat das Folgen. Forscher stellten beispielsweise bei Diabetikern fest, dass ihre Darmflora mehr ungünstige Keime enthält als die von Gesunden. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass auch andere Stoffwechselerkrankungen, Depressionen oder Autoimmunerkrankungen mit dem Darm im Zusammenhang stehen könnten.

 

Ganz individuell

Die Zusammensetzung der Darmbakterien unterscheidet sich von Mensch zu Mensch und ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Die ersten Mikroben bekommt ein Baby während der Geburt. Besonders wichtig sind die schützenden Laktobazillen aus dem Geburtskanal der Mutter. Alle Bakterien, die das Neugeborene in den ersten Stunden einsammelt, dienen als Sparringspartner für das sich entwickelnde Immunsystem. Bei Babys, die per Kaiserschnitt entbunden werden, dauert es viel länger, bis sich normale Darmbakterien entwickelt haben.

 

Je keimarmer die Umgebung und damit je weniger Übungsfeinde, umso höher scheint das Risiko für Allergien, Asthma oder entzündliche Darmerkrankungen zu sein. Auch Antibiotika-Einnahmen in den ersten 12 Lebensmonaten können mit einer erhöhten Anfälligkeit verbunden sein. (Alle Antibiotika, die wir im Laufe des Lebens schlucken, haben Einfluss auf die Darmbewohner. Deshalb sollten sie nur eingenommen werden, wenn es medizinisch unumgänglich ist.)

 

Nach etwa drei Jahren sieht die Zusammensetzung der Darmflora dann schon so ähnlich aus wie später im Erwachsenenalter. Die Darmbewohner spielen eine Rolle bei der Frage, wie gesund wir sind, wie unsere Verdauung funktioniert oder wie stressanfällig wir sind. Da die Mikroorganismen alles, was wir zu uns nehmen verarbeiten und dem Körper damit die wertvollen Inhaltsstoffe „aufschließen“ und zur Verfügung stellen, ist die Zusammensetzung der Wohngemeinschaft auch eine Folge unserer Ernährungsgewohnheiten.

 

Der Bauch denkt ans Essen

Je nachdem, welche Kost regelmäßig auf dem Speiseplan steht, verändert sich die Bakterienzusammensetzung. Denn die Verdauung funktioniert arbeitsteilig. Bei der Aufspaltung von pflanzlicher Nahrung werden andere Bakterien aktiv als bei der Verdauung tierischer Kost. Das bedeutet auch, dass, je nach Ernährungsweise, unterschiedliche Bakterien im Darm die Oberhand haben und den Körper mit unterschiedlichen Stoffen versorgen. Möglicherweise beeinflussen sie auch Gelüste auf bestimmte Speisen: Wer oft und viel Süßes isst, hat auch häufiger Lust darauf. Wer sich allerdings die Süßigkeiten mal für einen längeren Zeitraum verkneift, stellt überrascht fest, dass plötzlich auch die Lust darauf verschwindet.

 

Weil die Darmflora einen Einfluss auf unsere Gesundheit hat, sollte sie gut behandelt werden – mit ausgewogener Ernährung und hochwertigen Lebensmitteln. Auch Qualität und Produktion der Lebensmittel spielen eine Rolle. Pestizidreste, Nitrat oder Antibiotika im Fleisch aus Massentierhaltung – was in unseren Lebensmitteln steckt, durchwandert den Darm. Ebenso Konservierungsmittel, Farbstoffe, Stabilisatoren, Geschmacksverstärker oder zu viel Salz. Vielleicht lassen sich unsere Geschmacksknospen täuschen, weil wir es gewohnt sind, so zu essen, aber den Darmbakterien schmeckt es vermutlich weniger.

Gerade wurde festgestellt, dass zu viel Salz negative Auswirkungen auf bestimmte Milchsäurebakterien des Darms hat. Wenn die Zahl der nützlichen Bakterien sinkt und dafür die Zahl der schädlichen ansteigt, erkranken wir.

 

Für die Ernährung bedeutet das: möglichst auf Nahrungsmittel aus biologischem Anbau zurückgreifen. Obst und Gemüse sind Fleisch und Wurst vorzuziehen, Ballaststoffe sind günstiger als „leere“ Kohlenhydrate aus Weißbrot. Prä- und probiotische Lebensmittel sollten regelmäßig auf den Tisch kommen. Dazu gehören beispielsweise Joghurt oder durch Milchsäure fermentierte Lebensmittel, der Klassiker ist Sauerkraut. Zucker sollte man meiden. Außerdem braucht Verdauung braucht Flüssigkeit – also ausreichend Wasser und ungesüßte Tees trinken, dafür nur wenig Alkohol. Bewegung ist ebenfalls ein guter Schrittmacher, oft helfen schon regelmäßige Spaziergänge dem Bauch auf die Sprünge. Verstopfung ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Aber der Darm lässt mit sich „reden“, denn er liebt Regelmäßigkeit.

 

Die Macht der Gewohnheit

Der Darm ist ein Gewohnheitstier. Das hat den Vorteil, dass sich das Verdauungsorgan „trainieren“ lässt. Wer täglich zur gleichen Zeit die Toilette aufsucht, um seinen Darm zu entleeren, wird nach einer Weile merken, dass sich der Darm plötzlich auch genau um diese Zeit meldet. Idealerweise sollte man den Gang zur Toilette in die Morgenstunden verlegen. Nach der chinesischen Organuhr ist der Dickdarm morgens zwischen 5 und 7 Uhr besonders aktiv und möchte das, was er bis zum Morgengrauen „erledigt“ hat, gerne loswerden. Aber – der Darm gewöhnt sich auch um, und die Stuhlgangzeit lässt sich auch auf eine spätere Uhrzeit verlegen.

 

Doch wenn das Verdauungsorgan sein Recht fordert, sollte man möglichst darauf reagieren. Häufige Nichtbeachtung verstimmt das sensible Organ und bringt es aus dem Takt. Verstopfung oder andere Verdauungsprobleme können die Folge sein. Der Magen folgt ebenfalls einem inneren Rhythmus. Laut Organuhr verrichtet er seine Arbeit am besten zwischen 7 und 9 Uhr, weshalb das Frühstück auch gerne die opulenteste Mahlzeit des Tages sein kann. Nach der chinesischen Gesundheitsphilosophie arbeitet der Magen dann zwischen 19 und 21 kaum noch. Alles, was nach 19:00 Uhr gegessen wird, wird dann nicht mehr richtig verdaut und liegt schwer im Magen, bringt uns möglicherweise um den Schlaf und belastet den Darm.

 

Weil die Verdauung einer inneren Uhr folgt, kann sich sogar die Zeitumstellung auf die Verdauung auswirken, weil sich damit auch die Essenszeiten verändern. Es kann deshalb vorteilhaft sein, die Nahrungsaufnahme langsam der „neuen“ Zeit anzupassen. Bei Fernreisen macht sich das beispielweise ganz besonders deutlich bemerkbar. Viele Urlauber kämpfen anfangs mit Verdauungsproblemen, bis auch der Bauch endlich wieder sein inneres Gleichgewicht gefunden hat.

Noch sind viele Fragen offen. Doch schon heute steht fest: Der Darm und seine Bewohner haben großen Einfluss auf unser körperliches und seelisches Wohlbefinden. Es lohnt sich also, das Bauchhirn ein wenig zu pflegen.

 

 

 

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