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KALT ERWISCHT!

Meteorologisch sind wir bereits im  Winter – auch wenn er offiziell erst am  21. Dezember beginnt. Und wie jedes Jahr hat die kalte Jahreszeit auch diesmal  wieder Grippeviren und Erkältungserreger im Gepäck. Auf die freut sich niemand. Und wer nicht kalt erwischt werden will, sollte auf sich achten.

 

Die letzte Grippe- und Erkältungssaison war rekordverdächtig. Es gab mehr Arbeitsausfälle und Krankmeldungen als in den Vorjahren, viele Krankenhäuser mussten Patientenabweisen. Und während die Büros leer blieben, waren die Wartezimmer überfüllt. Man kann nur hoffen, dass diese Saison milder verläuft. Doch warum kommt es in der kalten Jahreszeit überhaupt zu solchen Erkältungswellen? Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Zunächst einmal setzt Kälte die Abwehrkräfte der Schleimhäute herab. Erreger haben nun leichteres Spiel und können sich in den Atemwegen festsetzen.

 

Ist der Mensch krank und schleppt er sich trotzdem in Büro, verteilt er seine Erreger an andere, die sich anstecken und ebenfalls krank werden, die ihre Familiemitglieder anstecken, die ihre Keime wiederum an andere weitergeben und so weiter. Ein Schneeballsystem, das sich nur unterbinden lässt, indem der Erkrankte zu Hause bleibt und sich Ruhe gönnt. Übertriebenes Pflichtbewusstsein zahlt sich nicht aus, das wird auch jeder Chef verstehen. Denn wenn ein Angestellter ausfällt, ist das im Rahmen. Wenn aber ein Grippe-Kranker eine ganze Firma lahmlegt, ist das schwerer zu verkraften.  Auf Tastaturen im Büro tummeln sich oft mehr Keime als in einer Toilettenschüssel! Auch wenn das kaum zu glauben ist.

 

Über die Schleimhaut ins Körperinnere

Alle, die noch gesund sind, aber von schniefenden, hustenden Menschen umgeben sind, sollten sich schützen. Die einfachste, billigste und effizienteste Möglichkeit: Hände waschen und zwar mehrfach täglich. Denn Krankheitserreger verbreiten sich über Tröpfcheninfektionen.

Einer niest die Keime aus, sie bleiben auf Türklinken oder Haltegriffen in der Bahn hängen, der nächste fasst rein und sich selbst ins Gesicht: weil die Nase juckt, um sich die Augen zu reiben oder einen Brösel von der Lippe zu wischen. Und schon haben die Erreger freien Zugang zu den Schleimhäuten. Deshalb ist es neben dem Händewaschen genauso wichtig, die Hände aus dem Gesicht zu halten. Wer kann, sollte Menschenansammlungen in Erkältungszeiten weitgehend meiden. Oder, wenn es nicht anders geht, wie in asiatischen Ländern einen Mundschutz tragen.

 

Abwehrkräfte unterstützen

Um für die Saison gewappnet zu sein, braucht das Immunsystem ein bisschen Unterstützung. Dazu gehört zunächst einmal eine gesunde ausgewogene Ernährung, die jetzt sehr vitamin- und mineralstoffreich sein sollte. Vitamin C zählt nun besonders. Glücklicherweise sind aber jetzt auch viele Obst- und Gemüsesorten erhältlich, die das Abwehr-Vitamin enthalten: Grünkohl, Zitrone, Orangen, Rosenkohl. Auch rote Beete und Kiwis sind zu empfehlen. Sie enthalten nicht nur Vitamine, sondern auch Ballaststoffe. Die sind wichtig für den Darm, dessen Bakterienflora ebenfalls eine wichtige Rolle für die Funktion der Abwehrkräfte spielt. Da öffentliche Verkehrsmittel jetzt ohnehin regelrechte Keimschleudern sind, sollte sie jeder, der die Möglichkeit hat, meiden. Lieber einen kurzen Fußweg als eine Haltestelle im Bus. Damit lassen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Bewegung an der frischen Luft unterstützt die Abwehrkräfte und man selbst geht potenziellen Krankheitserregern aus dem Weg. Wichtig für die Schlagkraft des Immunsystems ist außerdem ausreichend Schlaf. Hier hat die kalte, dunkle Jahreszeit eindeutig Vorteile. Denn früher zu Bett zu gehen fällt in dieser Zeit leicht.

 

Wasser, Tee, Zitronensaft

Trinken ist Schleimhautschutz. Auch wenn sich das Durstgefühl in der kalten Jahreszeit in Grenzen hält, sollten es eineinhalb bis zwei Liter Flüssigkeit pro Tag sein. Das ist wichtig, damit die Schleimhäute der oberen und unteren Atemwege gut funktionieren können.

Sie sind zum Schutz gegen Krankheitserreger von einer besonderen Schleimhaut bedeckt – dem Flimmerepithel. Auf dem Schleim seiner Oberfläche bleiben Schadstoffe oder Erreger hängen, die von den Flimmerhärchen pausenlos nach hinten zum Rachen transportiert werden.

Dort werden sie mit dem Schleim geschluckt und in der Magensäure vernichtet. Ist die Schleimhaut jedoch angegriffen oder ihre Funktion durch die Kälte stark beeinträchtigt, funktioniert dieser Reinigungsprozess nicht mehr. Der Sekrettransport stoppt. Erreger haben jetzt gute Chancen sich festzusetzen. Da die Atemwege ein funktionelles System darstellen, kommt es oft vor, dass ein Schnupfen eine Etage tiefer wandert und sich dann noch eine Bronchitis dazugesellt. Deshalb ist es während der kalten Jahreszeit wichtig, die Schleimhaut feucht zu halten. Neben ausreichend Flüssigkeit darf auch mit  zuckerfreien Lutschbonbons für ausreichend Schleimhautfeuchtigkeit gesorgt werden.

 

Krank – Grippe oder Erkältung?

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen – niemand ist gegen Krankheiten gefeit. Erkältungen gehören weltweit zu den häufigsten Erkrankungen, Schätzungen zufolge ist jeder Erwachsene circa fünfmal im Jahr betroffen. Doch wenn die Grippewelle rollt, kann es statt eines grippalen Infekts auch mal eine echte Influenza sein.

Betroffene sind oft unsicher, was sie erwischt hat – Erkältung oder Grippe. Wie lassen sie sich unterscheiden? Eine Erkältung beginnt eher schleppend, die Symptome verschlimmern sich über mehrere Tage. Kratzen im Hals und Schnupfen sind meist der Anfang, dann folgen  Husten und unter Umständen auch Fieber. Man sagt eine Erkältung kommt drei Tage, bleibt drei Tage und geht drei Tage. Damit ist die Sache meistens erledigt.

Bei der Grippe ist dagegen ein sehr starker und plötz- licher Krankheitsbeginn typisch. Innerhalb weniger Stunden treten hohes Fieber, starke Kopf- und Gliederschmerzen sowie ein trockener Husten auf. Die Betroffenen habe gar keine Wahl – sie müssen ins Bett, so schlecht fühlen sie sich. Und auch wenn die Erkrankung überstanden ist, berichten viele noch über ein lang anhaltendes Schwächegefühl. Ganz schwerwiegende Verläufe können sogar zum Tode des Patienten führen.

Jährlich sterben weltweit zwischen 250.000 und 500.000 Personen an Grippe. Bei einer Vorerkrankung, einer Immunschwäche oder bei älteren Menschen, deren Immunsystem oft nur noch eingeschränkt funktioniert, wird deshalb eine Schutzimpfung empfohlen.

 

 

Was tun bei Erkältungen?

Bei einer Erkältung helfen oft altbewährte Hausmittel. Dazu gehören Ruhe, Wärme, Dampfbäder, Kräutertees und Lutschbonbons bei Husten, Nasenspülungen bei Schnupfen, Kamillentee, Salzwasserinhalation sowie frische Luft bei Kopfschmerzen. Mit diesen Maßnahmen kann oft das Schlimmste verhindert werden, sofern man bei den ersten Anzeichen eines Infekts aktiv wird und sich Ruhe gönnt. So können die Selbstheilungskräfte manchmal noch den Erregern Paroli bieten. Auch der Apotheker steht bei Erkältungen mit Rat und Tat zur Seite und kann bei den ersten Anzeichen einer Erkältung entsprechende Produkte empfehlen.

Lassen sich die Beschwerden nicht lindern, sollte der Arzt aufgesucht werden. Ist die Nase dicht, kann der Mediziner für die Dauer ein abschwellendes Nasenspray verordnen. Das hat den Vorteil, dass die Schleimhäute abschwellen und das System der Nasennebenhöhlen wieder besser belüftet wird. Der dort befindliche Schleim wird dann besser abtransportiert und somit einer Nebenhöhlenentzündung vorgebeugt. Länger als eine Woche sollte man ein abschwellendes Nasenspray allerdings nicht verwenden, denn es trocknet die Schleimhäute aus. Damit wird dann der gegenteilige Effekt erzielt: Trockene Schleimhäute sind infektanfälliger.

 

Husten ist ein Schutzmechanismus, um Fremdkörper oder Schleim aus den Luftwegen hinauszubefördern. Zäher Schleim, der in den Bronchien sitzt, sollte abgehustet werden können. Denn bleibt er an Ort und Stelle, ist er ein perfekter Nährboden für Krankheitserreger. Dann kann sich der Husten beispielsweise zu einer Bronchitis oder einer Lungenentzündung verschlimmern. Damit der Schleim ausgehustet werden kann, ist es sinnvoll, den Husten mit auswurffördernden Hustensäften zu unterstützen.

Sie machen beispielsweise den Schleim dünnflüssiger, damit er leichter abgehustet werden kann. Bei trockenem Reizhusten oder wenn der Husten in der Nacht besonders quälend ist, verordnet der Arzt einen Hustenstiller. Er lindert den Hustenreiz und sorgt dafür, dass der Patient den erforderlichen Heilschlaf bekommt. Deshalb ist es für die Genesung wichtig, dass jeder Husten mit dem richtigen Medikament behandelt wird.

 

Wann sind Antibiotika sinnvoll?  Wann überflüssig?

Viele erkältete Patienten, die sich zunächst mit einem freiverkäuflichen Medikament selbst versorgt haben, aber keine Linderung verspüren, kommen in die Praxis und verlangen ein Antibiotikum. Oft werden sie richtig sauer, wenn der Arzt sich dann weigert, eins zu verordnen. Hier sollten sie aber auf den Fachmann hören. Denn ein Antibiotikum ist nur dann nötig, wenn Bakterien im Spiel sind. Der größte Teil aller Erkältungen wird aber von Viren verursacht, gegen die kein Antibiotikum hilft. Nur wenn auf eine Virusinfektion eine Bakterieninfektion aufsattelt, dann – und nur dann - macht die Gabe eines Antibiotikums Sinn.

 

Jeder, der ein Antibiotikum ohne Notwendigkeit oder „vorbeugend“ einnimmt, schadet sich selbst, denn er fördert damit Resistenzen. Das heißt, die Erreger gewöhnen sich daran und werden unempfindlich. Wenn dann im Notfall die schnelle Hilfe eines Antibiotikums möglicherweise lebensrettend wäre, wirkt es nicht mehr so, wie es sollte. Schon heute verursachen multiresistente Keime riesige Probleme.

Hinzu kommt, dass alle Schleimhäute wie die Darmschleimhaut, aber auch die Schleimhäute von Mund, Nase und Bronchien von bakteriellen Lebensgemeinschaften besiedelt sind. Es sind Hunderte oder sogar Tausende Arten. Von vielen ist nicht einmal bekannt, wofür sie gut sind. Manche lassen sich in der Petrischale vermehren, andere nicht. Noch sind viele ihrer Geheimnisse nicht entschlüsselt. Doch man weiß, dass sich bei einem Gesunden „gute“ und „schlechte“ Keime offensichtlich die Waage halten. Gewinnen nun die ungünstigen Erreger Oberhand oder werden die guten mit fiesen Eindringlingen nicht fertig, dann erkrankt der Mensch.

Es ist deshalb viel effektiver, bei einem viralen Atemwegsinfekt die Selbstheilungskräfte der Schleimhäute zu unterstützen, damit das gesunde Gleichgewicht wiederhergestellt wird, als ein Antibiotikum einzunehmen, das sowieso nicht hilft. Ein Antibiotikum kann nicht zwischen Freunden und Feinden unterscheiden, es  macht einfach alles platt. Betrachtet man Darm- oder Nasenschleimhaut nach einer Antibiotikatherapie unter dem Mikroskop, sieht es aus wie nach der Rodung eines Regenwaldes – es ist kaum noch Leben vorhanden. 

Man kann sich gut vorstellen, wie lange es dauert, bis sich wieder eine intakte, gut funktionierende Lebensgemeinschaft bildet. Und vielleicht entspricht sie, wie der nach einer Urwaldrodung nachwachsende sogenannte Sekundär-Urwald, auch nie wieder mehr dem intakten Original. Deshalb sind Antibiotika zwar grundsätzlich eine gute Sache, aber sie sollten nur dann eingesetzt werden, wenn sie wirklich Sinn machen. Bei Grippe oder bei grippalen Infekten ist das nicht der Fall.

 

Fazit: Abwehrkräfte stärken, um Erkältungen zu vermeiden; bei Infekten zu Hause bleiben, damit sich niemand ansteckt, einfache Hygieneregeln beachten, Selbstheilungskräfte unterstützen und Finger weg von Antibiotika, wenn sie nicht unbedingt sein müssen. ■

 

 

 

 

 

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