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Hören und Verstehen sind keine Einbahnstraße

– Schwerhörigkeit betrifft auch die Mitmenschen

 

Wenn sich Mitmenschen darauf einstellen, für schwerhörige Angehörige mitzuhören, ist das zwar gut gemeint, aber wenig hilfreich für alle Beteiligten. Denn die Hördefizite werden dadurch nicht behoben und das Umfeld gerät selbst in stressige Situationen.

 

Wie Hördefizite auf Partner, Angehörige und Freunde wirken, das haben Wissenschaftler der University of Nottingham jüngst untersucht*. Gelegentliche Kommunikationsstörungen werden demnach meistens schnell geklärt und nicht weiter beachtet. Gänzlich anders sieht es aus, wenn sich die Missverständnisse häufen. Dann beginnt das soziale Umfeld, sein eigenes Verhalten und den Umgang mit den Betroffenen der Situation anzupassen. Dazu zählt lautes und deutliches Sprechen, um ständiges Nachfragen zu vermeiden. Vorsorglich wird auf Telefon- oder Türklingeln hingewiesen und Radio, Fernsehen und Musik werden aus Solidarität viel lauter eingestellt als nötig.

Das ist gut gemeint, hilft allen Beteiligten aber nicht weiter. Denn die unterstützenden Mitmenschen geraten selbst in stressige Situationen, während für die Betroffenen die Kommunikationshindernisse abgefedert und verharmlost werden. Das ist eine wesentliche Ursache dafür, dass viele Menschen länger als nötig mit einer Hörgeräteversorgung warten. Die britischen Forscher raten deshalb auch dazu, die Angehörigen in die Behandlung miteinzubeziehen, da sie den Hörakustiker mit wertvollen Informationen unterstützen können. Somit werden Akzeptanz, Rehabilitation und Gewöhnung an die Hörtechnologie teilweise erheblich erleichtert und verbessert.

 

Die Mitmenschen stellen sich darauf ein, für die schwerhörigen Angehörigen mitzuhören

Diese Zusammenhänge werden auch durch Umfrageergebnisse der aktuellen Eurotrak-Studie 2018** untermauert. Denn im Gegensatz zur hohen Akzeptanz von Hörgeräteträgern (84% fühlen sich positiv von ihrem Umfeld angenommen) werden unbehandelte Hördefizite von den Mitmenschen kritisch gesehen und auch angesprochen. Rund jeder dritte Betroffene war gelegentlich oder regelmäßig Hänseleien aus seinem Umfeld ausgesetzt, weil die Kommunikation einseitig und unnötig erschwert ist.

 

Auf der anderen Seite stellen 60% der Nutzer von Hörsystemen rückblickend fest, dass sie den Schritt zum Hörakustiker schon viel früher hätten machen sollen. Die genannten Gründe sprechen für sich: 72% der Befragten schätzen die verbesserte Kommunikation und den sozialen Austausch mit anderen Menschen. 52%  heben überdies ihre stabilere mentale Verfassung und höhere emotionale Ausgeglichenheit hervor. Und das gilt mit Sicherheit auch für die Mitmenschen, die in dieser Umfrage allerdings nicht befragt wurden.

 

*) University of Nottingham, Is your partner’s hearingloss driving you mad?, 2017

**) Europäische Vereinigung der Hörgerätehersteller (EHIMA),   Eurotrak-Studie 2018

 

 

 

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